Ein misslungener Zauber

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von OG nefer-pa-isis (RUM)
Online seit 14. 01. 2003
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Untotes Leben ist sinnlos. Eine Geschichte über einen Versuch zu sterben und gute Freunde

Dafür vergebene Note: 11

TRAUMZEIT

Du kannst
nur so lange
einen Traum
träumen,
bis der
Verstand
ihn versteht.


Hans Kruppa




"Ihr werdet das nie verstehen!", schnauzte die Untote ihre beiden Freunde Robin und Leo barsch an.
Robin starrte wütend in sein Bierglas. "Und wieso bitte nicht, Fräulein Prinzessin?", knurrte der Dobermann betont ruhig.
"Sag mir, hattest du je Kinder? Oder einen Partner, den du über alles liebtest? Hattest du?", fauchte nefer nahezu tonlos vor Zorn zurück.
Robin schüttelte peinlich berührt seinen Kopf, und Leo sah betreten zu Boden.
"Dann versucht nicht, mir weiszumachen, ihr wüsstest, wie es ist, allein zu sein!" Die Mumie knallte ihr Glas auf den Tisch. "Aber wozu unterhalte ich mich mit euch beiden Hohlköpfen? Lernt zuerst einmal, was es heißt alles zu verlieren, was Einsamkeit bedeutet! Dann können wir wieder miteinander reden!" Die Untote erhob sich stocksauer und kurz man konnte erkennen, dass sie knapp vorm Explodieren war. Sie warf ihren Umhang und ihren Schal über und stolzierte hoch erhobenen Hauptes aus dem Lokal.
"Geh doch, alte Bandage!" rief Robin ihr zornig nach und konzentrierte sich wieder auf sein Bier.
Leo zog es vor, seinen Mund zu halten. Die beiden sahen sich an und zuckten mit den Schultern, sollte sie doch mal wieder ihre Launen haben, normalerweise beruhigte sich nefer recht schnell. Und die beiden hatten Zeit zu warten...

***


Nef lag auf ihrem Bett in ihrer Wohnung und streichelte Getier, das sich neben ihr zusammen gerollt hatte.
"Die haben keine Ahnung, wirklich keine.", flüsterte die Obergefreite in die Stille ihrer Wohnung. "Ich wünschte, meine Kleinen wären noch bei mir. Ich wollte sie doch aufwachsen sehen. Und mein Liebster, wie viel Zeit wäre noch vor uns gelegen." Todtraurig drehte die Mumie den Kopf zur Seite. "Dieses Dasein ist so sinnlos, so leer von Liebe, von Freude, von einfach allem. Ich will nicht mehr, absolut nicht mehr..."
Die Untote griff nach dem Becher mit Knieweich, der neben ihr auf dem Tischchen stand. Sie öffnete eine kleine versteckte Nische in der Wand hinter ihrem Bett und holte eine filigrane Glasphiole hervor. Darin schillerte eine purpurne Flüssigkeit.
Nefer zog den kleinen Glasverschluss von der Phiole und kippte die Flüssigkeit in den Becher. Es begann zu zischen und ein kleines grün glühendes Wölkchen erhob sich über dem Gemisch.
"Vorbei seiest du, elendes Dasein!", hauchte die Untote leise und leerte den Becher in einem Zug.

***


Am nächsten Morgen erschien nefer dann aber doch wie gewohnt zur Arbeit. Das Gift, das normalerweise die Energie gehabt hätte, die halbe Stadt zu morden, hatte bei ihrem verfluchten untoten Körper keinerlei Wirkung gezeigt, sie hatte nur geschlafen, sonst nichts!

In ihrem Büro legte die Obergefreite zuerst Holz in ihrem kleinen Öfchen nach und machte sich dann an die Arbeit.
Auf ihren Tisch lagen zwei Fälle über unlizenzierte Morde gestern Nacht, die ein Täterprofil verlangten. Nef besah sich die Ikonographien und die Berichte der anderen Abteilungen und erstellte mit Hilfe dessen und ihrer Bücher die Profile.
Sie bedeckte einige Pergamentfetzen mit möglichen Profilen, die sie dann zu einem kombinierte. Dieselbe Prozedur ereilte auch den zweiten Fall. Die Püschologin ging ganz in ihrer Arbeit und ihrem Suchen und Rätseln in den Büchern auf, sodass sie auf ihr verfluchtes Dasein zwischendurch sogar vergaß.
Nach Abschluss der Analysen begab sie sich in MeckDwarfs Büro und besprach ihre Überlegungen zu den beiden Fällen mit ihm.
Nachdem das nicht den ganzen Tag in Anspruch nahm, hatte sie am Nachmittag wieder einmal zuviel Zeit zum Nachdenken - und das war nie gut bei ihr!
'Was hab ich denn von diesem Dasein? Freunde?', überlegte sie deprimiert und dachte an die böse Auseinandersetzung gestern Abend. 'Freunde sollten einen verstehen, aber das können die beiden nicht. Ja, sie sind da, wenn's darum geht, Spaß zu haben und zum Lachen, ja, auch zum Reden und Ausheulen, aber was wissen die beiden schon, wie's in mir aussieht. Aber das weiß ja niemand.', ging es der Untoten durch den Kopf und sie starrte resignierend in den Raum.
Nefer nahm den steinernen Skarabäus zu Hand, den Robin ihr am Schneefest von ihrem Wichtel geschenkt hatte. Mittlerweile war sie sich sicher, dass er ihr Wichtel gewesen war. Wehmütig drehte sie die dunkle, schon leicht zerkratzte Handarbeit in ihrer Hand und fuhr mit den Fingerspitzen die Inschrift auf der Rückseite nach - ihren Namen.
Was bedeutete es schon? Lediglich der Name einer Person, die seit tausenden von Jahren tot war, nur durch einen verdammten verpfuschten Zauber wandelte sie noch auf der Scheibe. Sie sollte gar nicht hier sein...
'Gift bringt mich nicht um, einzig Feuer kann mich vernichten. Aber ich will mich nicht anzünden, dann kommt vielleicht noch einer auf die Idee, mich zu löschen. Und in mein Schwert werfen? - Nein, bringt auch nichts, zumal ich's schon versucht hab. Das alles habe ich nur diesem verfluchten Zauber zu verdanken. Wäre der nicht schief gegangen, würde ich heute nicht hier sein.', dachte sie bei sich und griff zu ihren Zigaretten. 'Es muss einen Weg geben endgültig zu sterben.', überlegte sie mit finsterer Miene. 'Wenn ich durch einen Zauber untot wurde, so kann ich vielleicht durch einen weiteren Zauber sterben!'
Ein seltsam der Welt entrücktes Lächeln erschien auf den Gesichtszügen der Püschologin und sie hatte einen endgültigen Entschluss gefasst. Ohne eine weitere Sekunde zu zögern stand nefer auf und verlies das Wachhaus.

***


"Miss, wie stellen Sie sich das vor?", fragte ihr gegenüber, während er genüsslich in ein dick belegtes Brot biss, von dem rosafarbene Soße auf seinen Bart tropfte
"Nun, ich würde durch einen Zauber untot, wie ich schon sagte. Und folglich glaube ich, dass ich auch durch einen neuen Zauber endgültig sterben kann. Was ist daran so unvorstellbar?", fragte die Mumie den Mann mit dem spitzen Hut vor sich.
"Aber Miss, sind Sie sich sicher?", schmatzte der Hut Tragende. "Ich meine, Sie sind dann wirklich tot, absolut tot."
Nefer lächelte. "Dessen bin ich mir völlig bewusst. Das ist ja das Ziel der ganzen Sache!", versuchte sie den Zauberer zu überzeugen.
"Ich glaube nicht, dass es einen solchen Zauber gibt. Und ich weiß nicht, ob ich das als Mitglied unserer renommierten Universität verantworten kann!", warf der Zauberer ein und schluckte den letzten Bissen Brot hinunter.
Nefer verstand den Wink mit dem Zaunpfahl und griff nun in ihren Umhang. Sie zog einen ledernen Beutel hervor und leerte den Inhalt auf den Schreibtisch ihres Gesprächspartners.
Die Augen des Zauberers weiteten sich angesichts des Haufen Golds vor seiner Nase. "Ich muss sagen, Sie haben sehr für sich sprechende Argumente, Miss!", grinste er und in seinen Augen könnte man die Überlegung, wie viele Festessen sich davon bezahlen lassen würden, erkennen.
"Jeder ist käuflich.", entgegnete die Mumie kalt. "Nennen Sie mir den Preis, wenn das nicht genügen sollte." Sie würde ihren Willen und ihren Tod bekommen, egal, was es koste.
"Nun, angesichts Ihrer Entschlossenheit und ihrer freundlichen Zuwendung an die Universität kann ich vielleicht doch noch etwas machen. Kommen Sie morgen wieder, dann habe ich näheres herausgefunden.", lächelte der Hut Tragende schmierig und griff mit beiden Händen nach dem Gold.

***

Abends, in einem Wirtshaus

"Robin, meinst du, nefer ist noch immer sauer auf uns?", fragte Leo seinen Kollegen, während er dem Wirt mit seinem leeren Glas winkte.
Der Dobermann sah von der Tischplatte auf und in seinen Augen blitzen die letzen Reste des Zorns vom Vortag auf, der sich aber großteils schon in Sorge gewandelt hatte. "Könnte sein. Ich hab zumindest heute nichts von ihr gehört. Du?"
Der Vampir schüttelte nachdenklich den Kopf.
"Irgendwie hat sie ja Recht. Was wissen wir beide schon davon, wie es ist, so zu leben - wenn man das Wort bei ihr verwenden kann.", überlegte Robin mit einem Stirnrunzeln.
"Vom Untot-Sein hab ich ja Ahnung, aber davon, wie es ist, so völlig allein, jahrtausende lang, davon hab ich keinen Idee. So lange bin ich noch nicht untot. Und immer das Wissen im Hinterkopf, dass es keinen deiner Sippe mehr gibt, wirklich keinen." Leo griff nach seinem frisch gefüllten Glas mit Hasenblut.
"Ich auch nicht, Leo, ich auch nicht..."

***


Am nächsten Abend nach Dienstschluss machte sich nefer wieder auf den Weg zur unsichtbaren Universität.
In ihrer Tasche war ein versiegelter Brief, der nach ihrem - hoffentlich diesmal geglückten - Tod an Robin gehen sollte, mit der Bitte, sich um ihren Hund zu kümmern. Sie hatte keinerlei Erklärung hineingeschrieben, da dass nach ihrer Ansicht ein unnützes Unterfangen gewesen wäre, der Mensch hätte ihre Gründe niemals nachvollziehen geschweige denn verstehen können. Aber sie hatte Leo einen lieben Gruß sagen lassen, denn sie wollte nicht, dass sich einer der beiden benachteiligt oder vergessen vorkam.
'Es wird ohnehin nicht lange dauern, und ihr habt mich vergessen...', lächelte die Mumie bei diesen Gedanken, während sie an die Tür des Zauberers klopfte...

"Miss, wir haben einen Zauber, wie Sie ihn wünschen, gefunden. Auch hat sich unser Erzkanzler einverstanden erklärt - gegen eine kleine Aufmerksamkeit Ihrerseits versteht sich", erklärte ihr derselbe bärtige bauchige Zauberer des Vortags, jedoch war er diesmal mit einer gebratenen Hühnerkeule beschäftigt.
Die Mumie hatte mit so etwas gerechnet und legte einen kleineren Beutel, in dem es verdächtig klimperte, auf den Tisch.
"Gut, das müsste genügen. Lassen Sie uns beginnen.", schluckte die Untote ihre letzten Zweifel hinunter.
"Nun, wir brauchen dafür aber ihren wahren Namen, irgendetwas, worauf er verzeichnet ist. Und Sie müssen vollständig sein, Miss.", gab der Zauberer zu bedenken.
"Meinen Namen?" Nefer überlegte. "Ja, ich habe etwas, worauf er verzeichnet ist, in der Schrift meiner Väter. Und ich soll vollständig sein? Dann muss ich meine Kanopten holen."
"Miss, ich erwarte Sie in zwei Tagen wieder. Bis dahin haben wir alles für das Ritual des sengenden Mondes vorbereitet.", lächelte das Mitglied er Unsichtbaren Universität sie an.
"SO LANGE?", entfuhr es nefer, in einem Tonfall, den sie als Königin benutzt hatte.
"Nun, wir brauchen einige Tage, um uns mit dem Ritual vertraut zu machen und alles vorzubereiten, was dazu nötig ist. Zumal ist ein Vollmond dafür erforderlich, und der steht erst in zwei Tagen am Firmament.", versuchte sich der Zauberer automatisch angesichts des Tons zu rechtfertigen.
"Gut", winkte die Mumie ab, "in zwei Tagen also."

***


Auf dem Nachhauseweg in ihre Wohnung am Hide Park ging nefer in Gedanken alles noch einmal durch. Sie durfte nichts vergessen, weder die Regelung und Aufteilung ihres Besitzes noch die Versorgung ihres kleinen Hundes.
Getier! Er war der einzige, der immer bei ihr gewesen war, seitdem sie nach Ankh Morpork gekommen war. Sie hatte den Kleinen wirklich sehr lieb gewonnen und war sich sicher, dass Robin gut auf ihn achten würde. Getier war das einzige Bindeglied, das sie noch zu dieser Welt hatte. Sie lächelte und blickte auf den Kleinen, der neben ihr hertrottete.
Sie war mittlerweile am Park angekommen, als sie plötzlich leise Schritte (eindeutig von mehr als einem Paar Schuhe) im Kies hinter sich knirschen hörte. Automatisch griff sie nach ihrem Dolch und drehte sich in Kampfhaltung um.
"Nef, nimm das Messer weg.", rief Robin aus dem Schatten der Bäume vor ihr.
"Seid ihr das? Leo und Robin?", fragte die Untote ungläubig.
"Ja klar, wer sonst?", grinste sie der Vampir, der mittlerweile in die vom Mond erleuchtete Allee getreten war, an.
Nefers Blick verfinsterte sich. "Und was wollt ihr hier?", fragte sie eisig.
"Ich, äh... wir wollten uns entschuldigen bei dir.", begann Robin leise und Leo nickte.
"Entschuldigen?", fragte die Mumie verwundert.
"Ja, wir haben nachgedacht über das, was du gesagt hast.", murmelte Robin in seinen 3-Tage-Bart.
"Tut uns leid, du hattest recht, wir können uns das nicht vorstellen.", lenkte auch Leo ein.
Nefer lächelte. "Ihr zwei... Lassen wir das, ja? Es soll nie wieder angesprochen werden können.", entgegnete sie mit einem wissenden Blick.
Der Obergefreite und der Rekrut nickten freudig.
"Dann kommst du nun sicher auch mit auf ein Getränk in den Eimer, nicht?", grinste von Leermach und entblößte dabei seine spitzen weißen Eckzähne.
Nefers Blick wurde glasig und sie senkte den Kopf. "Nein, ich komme nicht mit.", sagte sie und fügte unhörbar leise hinzu: "Nie mehr." Dann trat sie auf Robin zu.
"Nef?", rief Robin ob dieser 'Annäherung' erstaunt aus und sah sie verwirrt an.
Die Püschologin ignorierte sein Erstaunen völlig, nahm den Mensch in die Arme und hielt ihn einfach sekundenlang fest.
"Tut mir leid. Ich freue mich, dass es Menschen wie dich gibt, Robin. Versprich mir, dass du dir immer deinen Frohgemut und dein Lachen sowie dein gutes Herz bewahrst.", flüsterte sie und blickte ihn an.
Robin war verstört, nickte aber.
Dann schritt die Untote zu Leo und umarmte auch den Vampir innig.
"Leo, es tut mir leid. Bleib so herzlich, wie du bist. Und lass dich niemals von etwas anderes als deinen Instinkten leiten. Versprich mir das.", bat sie Leo mit stumpfem Blick.
Auch dieser nickte, war sich aber nicht sicher, was das Ganze bedeuten sollte.
"Ich hoffe, ihr werdet noch vielen Wesen solch Freunde sein, wie ihr mir seid. Ich habe euch beide sehr gern. Lebt wohl.", sprach sie leise und warm. Nefer blickte beiden noch einmal - sie wusste, es war das letzte Mal - in die Augen, drehte sich um und ging auf ihre Wohnung zu.
Robin und Leo blieben verwirrt im Park stehen.
"Sag mal, verstehst du, was das eben war?", fragte Robin seinen guten Freund.
"Nein, Robin, nicht im Geringsten. Aber hast du ihren leeren Blick gesehen?", entgegnete der Vampir und blickte der Gestalt der Mumie nach, wie sie im Mondschein von dannen zog.
"Ja, er war seltsam. Als wäre sie nicht in dieser Welt mit ihren Gedanken.", griff der Mensch Leos Gedanken auf.
"Was hat sie wieder bloß vor?", überlegte der Vampir. "Wir sollten ihr nachgehen... Komm Robin, schwing deine Beine."

***


Nefer steckte gerade den Schlüssel ins Schloss ihrer Eingangstür, als diese aufschwang. Instinktiv zog die Mumie ihren Dolch - hier stimmte etwas nicht, sie hatte bestimmt abgeschlossen gehabt!
Vorsichtig betrat sie die Kellerwohnung. Drinnen brannte im Wohnzimmer Licht.
Leise schlich sie durch alle Räume, doch dabei fiel ihr nichts Besonderes auf. Es schien alles an seinem Platz zu sein.
NEIN! - Da, im Wohnzimmer fehlte doch etwas. Der Kaminsims war leer, dort wo normalerweise ihre Kanopten standen. Verflucht, wer würde schon Eingeweidetöpfe stehlen?
Die Mumie setzte sich und atmete tief durch. Vor ihren Augen erschienen Schreckensvisionen, man stelle sich vor, ihr kleiner Hund wäre heute zuhause gewesen! Doch bevor sie den Gedanken weiterspinnen konnte, klopfte es.
"Ja?", rief sie in Richtung der Tür, die noch immer offen stand.
"Nef?", fragte leise eine ihr bekannte Stimme.
Die Untote drehte sich um und sah Leo und Robin im Türrahmen stehen. "WAS, bei Offler, sucht ihr hier?", fauchte sie.
"Wir haben uns Sorgen gemacht.", fauchte Leo zurück. "Und seit wann steht deine Tür offen?"
"Es hat jemand eingebrochen und meine Kanopten gestohlen.", sagte die ehemalige Prinzessin leise.
"Du meinst diese Alabastertöpfe mit den Eingeweiden?", fragte der Vampir nach.
Nefer nickte traurig.
Robin und Leo seufzten auf und setzen sich neben sie auf Sofa.
"Nef, das ist doch nicht schlimm, sind doch nur Töpfe.", wollte der Dobermann seine Kollegin aufmuntern.
Aus den Augen der Mumie blitze es förmlich. "Ach, nur Töpfe? Für dich mögen sie nicht mehr sein, ja, aber für mich sind sie Bestandteile meiner selbst!", schnauzte sie ihn an.
Robins Kopf färbte sich tomatenrot, als er das Fettnäpfchen erkannte, in das er gerade getreten war.
"Nefer, schick deine Taube zu S.U.S.I. holen. Die müssen sich das ansehen!", wechselte Leo galant das Thema.
Die Untote nickte und ging zum Käfig, in dem ihre Taube saß.

***


Als Larius de Garde, der Spurensicherer, der heute Nachtschicht hatte, seine Untersuchungen am Tatort abgeschlossen hatte und sich wieder auf den Weg zum Wachehaus gemacht hatte, dachten auch Leo und Robin ans Aufbrechen. Irgendwie war die Untote so unfreundlich zu ihnen, dass es ihnen mittlerweile langsam zu bunt wurde. Sie wollten ihr doch nur helfen, aber nefer dachte nicht im Traum daran, diese Hilfe anzunehmen.
"Nef, wir gehen jetzt dann, ist das in Ordnung für dich?", fragte Robin.
"Ja, geht nur, ich bin eh lieber allein.", antwortete ihm die Mumie leicht bissig, während sie sich in der Küche etwas zu trinken holte - Alkoholisches versteht sich.
Leo schüttelte den Kopf und raunte Robin zu: "Sie trinkt in letzter Zeit ziemlich viel, nicht?"
Das D.O.G.-Mitglied nickte nur, was sollte er schon dagegen unternehmen. Wenn nef der Meinung war, sich betrinken zu müssen, hatte er gelernt, dass man sie nicht davon abhalten sollte, wenn man nicht riskieren wollte, die Kraft der Untoten zu spüren zu bekommen.
"Tschüss!", riefen die beiden im Gehen.
"Wartet!", kam es plötzlich aus der Küche und nefer kam zu ihnen. "Danke...", lächelte sie entschuldigend.
"Ist schon okay, wozu sind denn Freunde da?", grinste Leo sie an.
"Ich habe noch eine Bitte. An dich, Robin.", begann die Mumie kleinlaut. Sie beugte sich zu ihren kleinen Hund und umarmte ihn fest. Dann drückte sie ihm einen Kuss auf die feuchte Schnauze und flüsterte ihm etwas ins Ohr.
Robin beobachtete sie verwundert und Leos Gesichtsausdruck zeugte ebenfalls von Erstaunen.
"Robin, bist du so nett und gibst mir Acht auf meinen kleinen Liebling?", schaute sie den Dobermann bittend an. "Ich kann mich zurzeit nicht um ihn kümmern, und ich möchte, dass er in guten Händen ist. Mir geht's im Moment nicht so gut, habt ihr aber eh schon mitbekommen. Aber ich will nicht drüber reden, okay?"
"Ja, klar. Du weißt, dass ich Getier total gern hab. Wenn dir's wieder möglich ist, dich um ihn zu kümmern, du weißt eh, wo mein Büro ist!", lächelte der Wächter, der seiner Kollegin diese Bitte unmöglich abschlagen konnte.
"Danke!", antwortete nefer und ihr Blick wurde glasig. Sie umarmte die beiden zum Abschied und bleib dann im erleuchteten Türrahmen stehen und sah ihnen - oder vielmehr Getier - nach, wie sie in die Nacht davonzogen.
"Pass gut auf ihn auf...", murmelte sie traurig und versuchte sich diesen - für sie letzten - Anblick ihren Lieben einzuprägen.

***


Am nächsten Morgen erschien die Mumie einigermaßen pünktlich.
Sie hatte kein Auge zugetan die gesamte Nacht über. Ihre Gedanken kreisten immer wieder um ihren Hund, den sie wirklich schweren Herzens nur hergegeben hatte. Doch es war besser für den Kleinen, in zwei Tagen würde sie nicht mehr sein und dann sollte er in guten Händen sein.
Der Brief, in dem sie Robin darum hatte bitten wollen, war ein Opfer der Flammen in ihrem Kamin geworden, denn er war nicht mehr von Nöten.

In ihrem Büro machte nefer aus Gewohnheit Feuer und strich liebevoll über das blaue Kissen im Weidenkörbchen ihres Hundes. Traurig erhob sie sich wieder und setzte sich an den Schreibtisch.
Auf diesem lag bereits der Bericht von S.U.S.I. mitsamt den Ikonographien. Sie begann mit ruhiger Hand die Anzeige auszufüllen und besah sich anschließend den Bericht und die Bilder.
Der Einbrecher war auf alle Fälle ein Mensch gewesen, wie die spärlichen Fingerabdrücke ergeben hatten. Jedoch kein der Wache bekannter. Er hatte auch nichts außer den Kanopten gestohlen, keinen Schmuck, kein Gold, einfach nichts.
Nefer kam zu dem Schluss, dass der Dieb entweder im Auftrag gehandelt hatte, oder sich einfach des Werts der anderen Dinge nicht bewusst gewesen war. Wobei die Untote ersteres vermutete. Doch wer würde Töpfe mit Eingeweiden stehlen lassen?
Die Untote fasste ihre Überlegungen zusammen und machte sich dann auf den Weg zu MeckDwarfs Büro.

"Herein!", kam es durch die dunkle Holztür, nachdem nef geklopft hatte.
"Sir." Die Mumie salutierte. "Ich habe hier einen Fall, den ich bitte gerne selbst bearbeiten möchte, Sir."
"Lass mal sehen..." Humph schob seine Brille zu Recht und überflog den Bericht mitsamt der Anzeige und allem drum und dran. "Das ist deine Wohnung, nicht?"
"Ja, Sir.", erwiderte die Püschologin.
"Und du willst ihn wirklich selbst lösen?", fragte der Oberleutnant skeptisch nach.
"Ja, Sir."
"Wieso?", hackte MeckDwarf ein.
"Sir, mir bedeuten diese Tontöpfe sehr viel und ich will sie auf alle Fälle wieder finden. Und ich will nicht, dass irgendjemand sonst MEINE Eingeweide sucht, Sir.", versuchte die Untote zu argumentieren.
"Es ist zwar eigentlich ein Fall für die S.E.A.L.S., aber wenn dir soviel an deinen Töpfen liegt, dann such sie eben selbst...", willigte Humph ein, froh, nicht jemand für die Fall finden zu müssen.
"Danke, Sir.", erwiderte nefer, nahm die Mappe des Falls wieder an sich, salutierte vor ihrem Schäff und verließ das Büro.

***


Nefer hatte sich den Kopf zerbrochen, wo sie den Dieb finden konnte, als ihr die Idee gekommen war, sich doch in der Hehlereiszene von Ankh Morpork umzuhören.

Sie hatte dazu ihre Uniform abgelegt und sich umgekleidet, um als reiche Mäzenin auftreten zu können.
Dazu hatte sie eines ihrer teuren aus weich fallender, fast durchsichtiger Seide gefertigten Kleider angelegt. Sie hatte diese im Stil ihres früheren Lebens schneidern lassen. Ihr rabenschwarzes Haar flocht sie zu kleinen Zöpfen, die sie mit Goldspangen hochsteckte. Auch hatte sie reichlich Schmuck angelegt, unter anderem einen wundervollen Kragen aus Lapislazuli und Gold, den ihr ihr verstorbener Gatte zu Geburt ihres Sohnes geschenkt hatte und der zu ihren Grabbeigaben gehört hatte. Ihre derben Stiefel hatte sie gegen filigrane Sandalen getauscht, und ihren Umhang durch einen pelzverbrämten Mantel aus purpurnem Samt ersetzt. Die Untote genoss es, sich wieder in eine Prinzessin verwandeln zu dürfen. In ihren Gedanken erschienen die prunkvollen Feste, die sie gefeiert hatte, als sie Königin war. Ihr fielen all die Prozeduren wieder ein, die nötig waren, sie - eine hellhäutige Person aus Lancre - zu einer wahren Herrscherin aus dem Lande ihres Mannes zu machen. Fröhlich eine der alten Melodien auf den Lippen, griff die Untote zu ihren Schminktöpfen und versuchte, die lange vergessene Kunst wieder anzuwenden. Das Ergebnis sah sogar recht anständig aus, wenn man davon absah, dass es in nefers Kultur üblich gewesen war, Frauen wie die Näherinnen heutzutage herzurichten. Trotzdem fühlte sie sich das erste Mal seit langen wieder wohl - fast, als wäre sie heimgekehrt.
So verwandelt, hatte sie eine Kutsche rufen lassen und lies sich damit zum "Geschmiedeten Ochsen", einem anerkannten Gasthof gehobenen Klasse, der jedoch auch für seine Hehler bekannt war, bringen.
Sie betrat leichtfüßig und erhobenen Hauptes - wie es sich für eine Edeldame gehörte - die fast leere Gaststube, und sah sich nach einem gemütlichen Platz um, von dem aus sie alles überblicken konnte. Direkt neben der Bar stand ein kleiner Tisch mit einem blauen Samtsessel davor, der perfekt geeignet schien. Ihr beiges Kleid hob sich wundervoll vom Sessel ab und so konnte sich die Mumie sicher sein, dass sie sämtliche Blicke auf sich ziehen würde - was sie auch beabsichtigte. Schon früher, als sie noch lebte, hatte sie es geliebt, wenn sich jeder nach ihr umsah. Nun, wenn man bedachte, wie selten Frauen mit heller Haut im Land ihres Gatten gewesen waren, war es auch keine Kunst, im Mittelpunkt zu stehen - zumal sie auch noch Herrscherin war.
Der Wirt kam zu ihr und küsste ihr galant die behandschuhte Hand, wobei er kaum merklich die Nase rümpfte, schließlich war nefer trotz allem noch eine Mumie - und eine ziemlich alte dazu noch. "Was darf ich der Mylady kredenzen?", fragte er höflich.
"Bringt mir Kirschtee.", befahl die Untote - in ihrem Element der Befehle.
Der Tee wurde serviert und nefer steckte sich eine Zigarette in ihren langen Zigarettenhalter und zündete diese an der Kerze, die am Tisch stand an. Dann winkte sie dem Wirt, welcher auch sofort herbei geeilt kam.
"Mylady, wie darf ich Euch behilflich sein?", sagte er, während er sich verbeugte. Er hielt nefer wohl für eine ausländische Fürstin oder so, was der Untoten nicht so unrecht war.
"Ich suche Altertümer aus Nekropolen zu kaufen. Es soll hier in dieser Stadt welche geben.", antwortete nefer leicht nasal, um den Eindruck einer Adeligen zu verstärken.
"Mylady, es gibt kaum Altertümer in unserer wundervollen Stadt. Die meisten befinden sich in Privatbesitz, Mylady.", dienerte der Wirt.
"So? Dann sagt den Besitzern, ich möchte Sie sprechen. Ich bin auf der Suche nach etwas ganz Bestimmten und bereit jeden Preis dafür zu zahlen.", lächelte nefer und warf dem Wirt ein Goldstück zu.
"Gedenken Mylady in meiner bescheidenen Herberge zu nächtigen?"
"Ja, für eine Nacht, morgen will ich weiterreisen.", erwiderte die Untote. "Lasst euer bestes Zimmer bereit machen und stellt mir einen Leibwächter zur Seite sowie einen zum Schutz meiner Habe vor mein Gemach.", forderte sie...

***


Gegen Abend füllte sich der Gasthof.
Nefer saß wieder an den kleinen Tisch und musterte die Gäste. Ein betagt aussehender Mann in edler Kleidung schritt auf die Untote zu.
"Mylady, ist der Platz neben Euch noch frei?", fragte er mit dunkler Stimme.
Nefer nickte und hielt ihm die Hand zu Kuss hin, was dieser auch annahm, wenngleich er auch leicht den Mund verzog dabei. Nefer war zwar nett anzusehen, aber durch die Mumifizierung hatte sie viel ihrer alten Schönheit eingebüßt. Sie war eben nur mehr innerlich die Frau, die sie einmal gewesen war.
"Mylady, mir wurde mitgeteilt, dass Ihr an altem Kunstwerk interessiert sind.", begann der Mann.
"Ja, besonders an Totenrelikten, Sir.", nickte die Untote.
"Ich habe erst gestern ein wundervoll erhaltenes Set von Kanopten einer Prinzessin Eures Landes erstanden. Wäre das für Euch von Interesse?", fragte der Alte mit einem gierigen Glitzern in den Augen.
Nefer wurde hellhörig. "Aus welcher Dynastie stammen die Relikte?"
"Aus der Sniff-fer-Aton, Mylady.", erklärte der Mann leise.
"Ich möchte sie sehen, bevor ich sie kaufe.", antwortete die Mumie mit interessiertem Blick.
"Nun, ich habe sie bei mir. Aber folgen Sie mir in Separee, dort können wir ungestört verhandeln." Er reichte nefer -ganz gentlemanlike - die Hand und die Mumie folgte ihm, während ihr Leibwächter, ein bulliger Troll namens Saphir, hinter ihnen nachtrottete.

Das Separee war ein kleines Kaminzimmer. Auf dem Fußboden türmten sich erlesene Teppiche aus aller Herren Länder, die Glasscheiben der Fenster waren kunstvolle bunte Mosaikarbeiten, die in den Hinterhof des Gasthofs zeigten. Die Wände waren mit dunklem Holz getäfelt und teilweise mit obszön anmutenden Schnitzereien verziert. Die Mumie war erstaunt ob der Techniken, die dort gezeigt wurde - dafür musste man seeeehr gelenkig sein, erschien ihr.
In der Mitte des Raums stand ein wuchtiger blank polierter Eichentisch, dessen Füße in Löwenpranken endeten. Herum waren mit Samt bezogenen, gepolsterte Sessel aufgestellt. Ein kleiner Luster aus geschliffenem Glas spendete Licht und das Feuer im Kamin machte den Raum heimelig.
Nefer setzte sich auf einen der majestätisch anmutenden Stühle, ihre Füße baumelten in der Luft, so hoch waren diese. Der geheimnisvolle Anbieter setzte sich ihr gegenüber und griff nach einer kleinen silbernen Glocke, die am Tisch stand.
Auf sein Läuten hin erschienen zwei livrierte Diener mit einer Holzkiste. Der Mann winkte ihnen und daraufhin öffneten sie den schwer aussehenden Deckel der Kiste und entnahmen ihr die Kanopten.
Nefer bemühte sich, sich ihre Erregtheit nicht anmerken zu lassen. Vor ihr standen IHRE Kanopten! Sie stand auf und ging interessiert um die Objekte herum und nickte dabei immer wieder.
"Ja, sie sind wirklich wundervoll erhalten. Was verlangt Ihr dafür?", wandte sie sich nach einiger Zeit des Schweigens an den Mann.
"50 AM$ für jede!", antwortete er ihr.
"Das ist ein fairer Preis. Ihr habt kurz Zeit Euch zu gedulden?", fragte die Untote. "Ich möchte mich kurz frisch machen."
Der Alte nickte und wies die Diener an, die Kanopten wieder zu verpacken.

Nefer eilte gefolgt von Saphir die Treppe hoch. Saphir blieb vor ihrer Tür stehen, während die Mumie drinnen beschäftigt war.
Leise öffnete Nefer das Fenster und lies ihre mitgebrachte Taube frei. Dann zog sie einen Beutel voll Gold hervor und begab sich wieder hinab ins Hinterzimmer.

***


Hoch und immer höher flog die Taube dahin. Unter ihren grauen Schwingen pulsierte die Stadt im Schein des fast schon ganz runden Mondes. Morgen Abend würde der Vollmond über der Stadt erstrahlen. Die Taube flog weiter und weiter, bis zu einem großen, dunklen Gebäude gegenüber der hell erleuchteten Oper.
Zielstrebig steuerte sie auf eines der wenigen Fenster, hinter denen sanft Licht schimmerte, zu. Sie lies sich langsam mit bedächtigem Flügelschlag auf dem hölzernen Fenstersims nieder und pochte mit ihrem spitzen Schnabel gegen die Scheiben.
"Hmmpf." Oberleutnant MeckDwarf hob den Kopf und rückte seine Brille zurecht, die ihm beim Schlafen verrutscht war. Er sah sich um und erkannte eine kleine bauchige Gestalt vor seinem Fenster, die immer und immer wieder klopfte.
Seufzend erhob sich der R.U.M.-Schäff und ärgerte sich, dass er wieder einmal vor lauter Erschöpfung über seinen Unterlagen eingenickt war. Er öffnete das Fenster und herein kam unsere kleine graue Taube. Sie lies sich auf dem ohnehin schon überladenen Schreibtisch des Menschen nieder und begann nach imaginären Körnern und vergessenen Brotkrumen zu suchen.
MeckDwarf musterte die Taube, während er das Fenster wieder schloss und erkannte nach einiger Zeit des Überlegens das Tier. Die hatte er doch seiner neuen Püschologin gegeben. Er griff nach den Tier, was sich dieses widerstandslos durch seine Erziehung gefallen lies, und nestelte den kleine Fetzen Pergament am Bein der Taube los. Danach setzte er sie wieder auf den Schreibtisch, wo sich die Taube weiter nach etwas Fressbaren suchte.
Humph entrollte den kleinen Zettel und kniff die Augen zusammen. Die Schrift war sehr klein, aber unverkennbar anhand der geschwungenen Linien - die Nachricht stammt von seiner Püschologin, nefer-pa-isis.

Sör, erbitte Hilfe. Befindä mich im "Geschmiedeten Ochsen",
habe die Kanopten gefuhnden. Den Dibb nicht, nur den Händler.
Warte im Separää. Nefer


MeckDwarf runzelte die Stirn. Was machte diese verdammte Mumie in diesem piekfeinen Lokal? Und wie hatte sie die Kanopten so schnell finden können?
Er zog seinen Mantel über und begab sich nach unten, um sich einige Leute von F.R.O.G. aufzutreiben, die ihm bei der Operation helfen sollten.

***


Derweil war nefer ins Separee zurückgekehrt und hatte dem Alten die Kanopten abgekauft. Sie gehörten wieder ihr! Und somit stand ihrem Plan nichts mehr im Wege, dachte sie zumindest.
Der Alte wollte gerade aufbrechen, als nefer ihn noch gerade zurück halten konnte.
"Sir, Ihr wollt mich doch nicht schon verlassen?", säuselte sie mit lieblicher Stimme und verfluchte gleichzeitig ihr Aussehen. Mit ihrem angeborenen Aussehen wäre es ihr ein Leichtes gewesen, den Mann zum Bleiben zu überreden.
"Mylady?", fragte er höflich.
"Ich würde mich gerne noch ein wenig mit Euch unterhalten.", begann die Untote. "Wisst Ihr, es ist so selten, dass ich in den Genuss der Gesellschaft eines so klugen und erfahrenen Mannes wie Ihr es seid, komme. Ich bitte Euch, trinkt noch ein Glas Wein und lasst uns über unser gemeinsames Interesse für Altertümer sprechen."
Der Alte lächelte, der Gedanke schien im zu gefallen, zumal die Mumie ihm auch zu verstehen gegeben hatte, dass sie wohl noch an anderen Objekten seiner Sammlung Interesse hatte. Und ein gutes Geschäft wollte er sich nicht entgehen lassen!

***


Derweil traf MeckDwarf mit zwei Mitglieder von F.R.O.G., nämlich Malachit und Zaddam, im "Geschmiedeten Ochsen" ein.
Kaum hatte die Truppe die Gaststätte betreten, verstummten sämtliche Gespräche. Die Wache war ein ungern gesehener Gast in dieser Hochburg der Hehlerei.
MeckDwarf kümmerte das sichtlich nicht im Geringsten, und so ging er schnurstracks auf den Wirt zu.
"Wo befindet sich dein Separee?", wollte er barsch von dem dicklichen Mann wissen.
"Separee? Ich habe hier kein Hinterzimmer, Sir!", empörte sich dieser.
"Ich weiß genau, dass es hier eines gibt. Sei lieber so klug und sag mir, wo es ist. Sonst sehe ich mich gezwungen, dein Lokal hier öfter und genauer als bisher unter die Lupe zu nehmen.", flüsterte der Oberleutnant dem Wirt mit grimmiger Stimme zu.
Dieser war bleich geworden, das, was dieser Wächter da ausgesprochen hatte, würde seinen Ruin bedeuten. Da könnte er gleich dichtmachen, wenn die Wache ihre Kontrollen verschärfen würde. Ihm reichten die jetzigen schon aus! Der Wirt schluckte schwer und deutet auf eine kleine unscheinbare Tür, vor der ein Troll stand.
MeckDwarf lächelte und begab sich mit Mala und Zad im Gefolge zu dem Troll.
"Würdest du uns bitte hineinlassen?", fragte er den Türsteher.
Dieser schaute sie langsam an und man konnte erkennen, wie er angestrengt nachdachte.
"Ich wollen Marke sehen.", forderte er nach geraumer Zeit.
Humph griff in seinen Mantel und förderte selbige hervor. Beim Anblick des goldglänzenden Metalls entblößte der Troll seine diamantenen Zähne und mit viel gutem Willen konnte man ein Lächeln erkennen. Er trat zur Seite und machte den Weg frei.

Drinnen unterhielt sich nefer derweil angeregt mit dem Alten, der immer mehr erstaunt war, über ihr Wissen der alten Kulturen.
"Mylady, man hat das Gefühl, Ihr hättet das alles selbst gesehen.", lächelte er. "Wobei ich aber nicht sagen möchte, dass Ihr so alt seid."
Bevor nefer antworten konnte, öffnete sich die Tür und MeckDwarf, gefolgt von Mala und Zad, betrat den Raum.
"Im Namen der Wache, Sie sind verhaftet."
Der Mann wurde kreidebleich. "Ich habe mit der Wache nichts zu tun. Sie wollte mir etwas verkaufen!", versuchte er völlig perplex von seiner Person abzulenken.
Nefer lächelte. "Sir, er hatte meine Kanopten.", erwiderte sie triumphierend.
"Ihr seid Wächterin?" Nun war sämtliche Farbe aus dem Gesicht der Alten gewichen.
Die Untote nickte, während Mala den Mann hochhob.
"Ja, das bin ich. Und nun hätte ich gerne mein Geld wieder!" Und schon zog sie den ledernen Beutel aus der Weste des Alten und nahm ihn wieder an sich.
Der Alte lies den Kopf hängen und ergab sich seinem Schicksal. Zad legte ihm Handstricke an und Mala nahm die Kiste mit den Kanopten an sich.
"Sag mal, wie hast du sie so schnell finden können?", fragte der R.U.M.-Schäff seine Untergebene.
"Nun, man muss nur wissen, wo man nach solch ausgefallenen Dingen suchen muss.", grinste ihn diese an.
"Gut, alle ins Wachhaus, den Typ in eine Zelle, Zad. Und Mala, die Kiste zu S.U.S.I.", ordnete der Mensch an.
Nefer blickte ihn verstört an. "Sir, ich brauche diese Gefäße. Was soll S.U.S.I. damit?", wollte sie wissen und sah ihren wundervollen Plan schon den Ankh hinunter rinnen. [1]
Die Wächter verließen das Lokal durch den Hinterausgang und machten sich auf den Weg zurück zum Pseudopolis Platz.

***


Am nächsten Morgen wurde nefer, die die Nacht in ihrem Büro verbracht hatte, zu MeckDwarf gerufen.
Dort durfte sie eine gewaltige Schimpftirade über sich ergehen lassen, wie sie nur auf eine solche Idee hatte kommen können, egal ob sie gefruchtet hatte oder nicht. Zwar hatte ihr der Oberleutnant erlaubt gehabt, zu ermitteln, aber nicht diese Art und Weise! MeckDwarf war gehörig wütend, und er machte dieser Wut auch gewaltig Luft.
Nefer zog sich danach wieder in ihr Büro zurück und begann den Bericht, den der Oberleutnant trotz allem von ihr gefordert hatte, zu schreiben. MeckDwarf hatte ihr den Fall entzogen, denn geklärt war er ja noch nicht. Der Dieb musste noch gefunden werden!
Doch das kümmerte die Untote nicht mehr, es machte ihr auch nichts aus, dass sie nicht länger an dem Fall arbeiten durfte, sie hatte wieder, was sie wollte.
Am Nachmittag begann sie Briefe zu schreiben, einen an Robin und Leo, einen an den Kommandeur der Wache sowie einen an ihre Priester. In keinem erklärte sie, warum sie tat, was sie tun würde, nein. Sie verabschiedete sich einfach nur.
Am späten Vormittag hatte es an ihrer Tür geklopft und Lance-Korporal Angsthase hatte den Raum betreten. Hinter sich hatte die kleine schüchterne Wächterin nefer Kiste mitgezerrt.
"Deine Tondinger, wir brauchen sie nicht mehr.", hatte die S.U.S.I.-Mitarbeiterin gelächelt und war wieder verschwunden.

Gegen frühen Abend ging nefer zur Oper und organisierte sich eine Kutsche, mit der sie beabsichtigte, sich und ihre Kanopten zur UU zu bringen.
Ein letztes Mal sah sich die Untote in ihrem Büro um. Sie hatte es säuberlich aufgeräumt und die Briefe gut sichtbar auf den Schreibtisch gelegt. Es war doch eh egal, denn schließlich würde frühestens morgen nach ihr gesucht werden, wenn es jemanden auffiel, dass sie nicht zum Dienst erschienen wäre. Und da wäre alles schon vorbei und sie endlich frei!
Sie legte ihren Mantel um (sie war nicht dazu gekommen, sich seit gestern Abend umzukleiden) und verließ das Wachehaus.

***


"Nun, werte Herren Zauberer, hier sind meine Kanopten. Damit bin ich vollständig.", wies die Mumie auf die Kiste, die neben ihr stand. "Und hier ist etwas, worauf mein wahrer Name verzeichnet ist."
Einer der Zauberer nahm den Skarabäus entgegen und betrachtete ihn. "Gut, Miss, dann folgen Sie uns.", sagte er zu nefer und begann - gefolgt von der Mumie, vier Kollegen und zwei Dienern, die die Kiste trugen - in die Kellergewölbe der UU hinab zu steigen.

***


Derweil saßen Robin und Leo im Büro des Dobermanns in der Boucherie Rouge.
"Irgendwie ist dein Büro schon seeeehr himmelblau.", grinste der Vampir seinen Kumpel an.
Robin streichelte Getier hinter den Ohren und lächelte. "Man gewöhnt sich dran, Leo."
Der Obergefreite blickte auf den kleinen Hund, der friedlich neben ihm im Bett schlief und dabei leise schnarchte. "Leo, ich mach mir Sorgen."
"Warum?", fragte der Untote und blickte vom Prospekt der Boucherie auf, das er gerade las.
"Wegen neferchen." Der Dobermann schluckte. "Ich weiß nicht, was sie vorhat."
"Wer weiß das bei ihr schon.", zuckte Leo mit den Schultern. "Aber falls es dich tröstet, ich mach mir auch Sorgen."
"Sie hätte doch nie Getier hergeben, wenn sie nicht etwas plant, oder?", fragte Robin seinen Kollegen nachdenklich.
"Nein, normalerweise nicht.", seufzte der Vampir und kraulte Getiers Köpfchen, wobei der Kleine wohlig aufgrummelte.
Plötzlich stand Robin entschlossen vom Bett auf. "Leo, ich geh jetzt nachsehen. Ich hab das Gefühl, dass ihr Büro Aufschluss darüber gibt, was diese Mumie wieder vorhat. Außerdem muss ich Getiers Körbchen holen, der Kleine kann nicht ewig in meinem Bett schlafen."
"Bei nef durfte er das.", grinste Leo. "Aber warte, ich komm mit."

***


In den Kellern der UU lag nefer derweil auf einem steinernen Tisch, auf den Mondlicht durch ein kleines Fenster hoch bei der Decke des Raums fiel. Sie hatte sich ausgestreckt und versuchte ruhig zu bleiben. Es gab kein Zurück mehr und irgendwie freute sich die Untote darauf, dass bald alles vorbei sein sollte.
An den Ecken des 'Altars', auf dem sie lag, standen ihre Kanopten und der Alabaster, aus dem sie gefertigt waren, schimmerte wie feucht im Schein der Kerzen. Zwischen ihren (durch die Mumifizierung verdorrten) Brüsten ruhte der dunkle steinerne Skarabäus und schenkte der Untoten eine seltsame Art von innerer Ruhe.
Die fünf Zauberer standen um sie herum, so als würden sie einem alten Himmelsgesetz folgen. Wenn man ihre Standorte mit Linien verband, erschien ein Pentagramm.
Die Luft war bereits jetzt, kurz vor dem Beginn des Ritual des sengenden Mondes, geschwängert von Weihrauchduft und verschiedenen Kräutern. Zwischendurch erschienen kleine oktarine Blitze aus gleißendem Licht, denn die Magie begann sich bereits zu materialisieren und die Zauberer, die nun langsam und leise die alten Worte des Rituals zu singen begannen, taten ihr Übriges, damit die Luft unter Einfluss des Zaubers zu flirren begann.
Nefer schloss die Augen und lies sich von den monotonen Gesängen der Männer hinweg treiben.

***


Robin und Leo waren am Wachehaus angekommen. Sie marschierten am Tresen vorbei, zurück zur hinteren Treppe, vor deren Beginn das Büro ihrer Freundin lag. Getier war schon vorgelaufen, denn er freute sich auf sein Frauchen, was er hinter der geschlossenen Tür zu finden hoffte.
Robin drückte die Klinke hinunter und die Tür schwang auf. Das war seltsam, normalerweise versperrte nefer ihr Büro immer, sodass Robin schon gerechnet hatte, Leo um den Ersatzschlüssel schicken zu müssen.
Die beiden Freunde sahen sich im Büro um. Es war seltsam aufgeräumt, war ihnen von nef doch normalerweise bekannt, dass sie ihre eigene Art von Ordnung hatte [2]. Verwirrt sahen sich der Mensch und der Vampir an.
"Robin, hol doch einfach das Körbchen, dann gehen wir wieder. Nefer flippt bestimmt aus, wenn sie erfährt, dass wir in ihrem 'heiligen' Büro waren.", meinte der Vampir, wobei er bei dem Wort "heilig" die Augen theatralisch überdrehte.
Robin ging zu dem kleinen Öfchen, mit dem die Mumie das Büro zu heizen pflegte, und bückte sich nach dem Körbchen. Jedoch musste er zuerst Getier daraus verscheuchen, denn der Kleine hatte es sich schon wieder dort gemütlich gemacht. Der Dobermann klemmte sich das Weidengeflecht unter den Arm und wandte sich zum Gehen, als sein Blick auf den Schreibtisch fiel.
"Leo, da liegen Briefe.", sah er seinen Kollegen erstaunt an.
"Lass lieber die Finger davon, ich glaube, wenn nef weiß, dass du in ihrer Post wühlst, dreht sie richtig durch.", kommentierte der Vampir, der keine Lust darauf hatte, einen der berühmten Wutanfälle der Untoten mitzuerleben.
Robin ignorierte den Rat seines Freundes und schob die gestapelten Briefe auseinander. Er sah sich die Empfänger an und hob dann einen hoch. Leo verdrehte die Augen, als er das sah.
"Lass das, ich bitte di...", wollte der Untote gerade nochmals seinen Rat loswerden.
"Leo, der ist für uns bestimmt.", schnitt ihm Robin das Wort ab.
"Wie bitte?", staunte der Vampir.
Robin nickte nur und stellte das Körbchen auf den Tisch. Er nestelte am Umschlag herum, und entnahm ihm ein Stück Pergament, das mit der geschwungenen Handschrift der Untoten bedeckt war. Der Wächter überflog den Text und lies sich auf den Stuhl fallen. Langsam senkte er die Hand und Leo konnte eine winzigkleine Träne im Augenwinkel des Menschen erkennen.
"WAS schreibt sie?", fragte von Leermach aufgeregt nach.
Robin hielt ihm den Brief hin. "Lies selber, DAS kann ich nicht vorlesen.", schluckte er schwer.
Leo nahm den Brief entgegen und begann zu lesen.

Meine lieben Freunde,

ich hätte Euch gerne mit Namen angesprochen, doch will ich keinen von Euch beiden übervorteilen, denn ich kann nicht sagen, wen von Euch beiden ich lieber mag.
Wenn ihr diese Zeilen lest, dann bin ich mit Sicherheit nicht mehr bei Euch. Denn dann ist alles so von statten gegangen, wie ich es mir vorstellte in meinen sehnlichsten Träumen.
Ihr wollte sicher wissen, wovon ich spreche, nicht wahr?
Ein Zauber gab mir dieses unsägliche untote Dasein, ein Zauber hat es nun endlich wieder von mir genommen.
Ich erwarte von Euch nicht, dass Ihr meine Entscheidung versteht, denn ich bin mir sehr wohl bewusst, dass Ihr das niemals können werdet. Aber erwartet von mir keine Erklärung, warum ich diesen Schritt getan - außer der einen - ICH BIN FREI JETZT!
Robin, nun weißt du, warum ich mich nicht mehr um meinen kleinen Liebling kümmern kann. Ich bitte Dich, gib gut Acht auf ihn und behalte mich in Erinnerung, immer wenn du ihn siehst.
Auch Dich Leo möchte ich darum bitten, behalte mich in Erinnerung.
Ich habe Euch beide sehr gerne und hoffe, dass Ihr auch noch vielen anderen Wesen solch wunderbare Freunde sein werdet, wie Ihr mir wart. Vielleicht versteht Ihr nun, was ich mit diesen Worten neulich im Park meinte.
Fühlt Euch ein letztes Mal umarmt von mir.

nefer


Leo schluckte hörbar und lies die Hand sinken. "Robin, waren wir wirklich so blind?"
Der Mensch nickte stumm.
"Ich kann das nicht glauben, das kann nicht sein.", begann Leo mit dem Schicksal zu hadern.
"Nein, das kann es nicht.", senkte der Dobermann den Kopf und dachte an die erst kürzlich stattgefundene Feier zu seiner und nefs Beförderung. Sie hatte doch so daseinsfroh gewirkt, wenn man von den wenigen Momenten absah, in denen sie sentimental wurde. Doch hatte er ihre Worte dann niemals ernst genommen.
"Robin, wir müssen doch irgendwas tun können. Es MUSS etwas geben.", schüttelte der Rekrut ihn aus seinen Erinnerungen.
Picardo sah Leo an. "Gib mir den Brief, vielleicht ist dort ein Hinweis.", bat er.
Robin quälte sich ein weiteres Mal durch die Zeilen, und noch ein weiteres Mal, dann erschien ein Lächeln auf seinen Lippen.
"Leo, sie ist vielleicht noch am Leben.", rief er aus.
"WAS?", staunte der Vampir, der den Gedankengängen seines Kollegen nicht ganz folgen konnte.
"Ich nehme an, wir hätten den Brief nicht heute erhalten sollen, schließlich war sie heute noch bei der Arbeit. Und sie schreibt doch, dass sie durch einen Zauber von uns geht. Wer wäre in der Lage einen solchen Zauber durchzuführen?", sah Robin Leo hoffnungsvoll an.
"Die Typen in der Unsichtbaren Universität!", rief der Vampir aus.
"Worauf warten wir dann noch?", entgegnete ihm Robin und sprintete aus dem Büro.

***


Die Gesänge schwollen immer mehr an und die Mumie bekam sie längst nicht mehr bewusst mit.
Der Raum war mittlerweile erfüllt von der Macht des Rituals und überall stoben grüne und tiefblaue Funken herum. Die Zauberer hatten die Hände erhoben und rezitierten mit geschlossenen Augen die Worte der Magie. Das Netz des Zaubers wob sich immer enger und würde bald seinen Höhepunkt erreichen - nefer würde sterben, so wie sie es gewollt hatte.
Ihr Körper schillerte bereits durchlässig und schien von innen heraus golden zu glühen.
Die Untote war weit entfernt von jeglichen Empfindungen, das Werk der Zauberer war beinahe vollbracht.

***


"Aufmachen!" Robin schlug fest mit der Faust gegen das Portal der Unsichtbaren Universität.
Ein Schlurfen war zu hören, dann schob sich ein kleines Fenster im Holz auf und ein grimmig dreinblickender Mann fauchte: "Was wollt ihr? Wir haben schon geschlossen!"
"Eine Freundin von uns ist hier drinnen. Wir wollen zu ihr!", entgegnete der Wächter aufgebracht.
"Eine Frau? Unmöglich!", erwiderte der Türwärter schroff und wollte soeben das Fensterchen wieder schließen, als Robin es ihm mit der Hand verwehrte.
"Nimm deine verfluchte dreckige Hand da weg.", murrte der Torhüter.
"Wir sind von der Wache und verlangen Einlass.", versuchte es Robin.
Leo kramte derweil in seinen Taschen auf der Suche nach etwas.
"Und wenn ihr der Patrizier selbst wärt, das schert mich einen Dreck. Ich sagte, es ist geschlossen!", schrie der Hüter nun wütend.
Plötzlich schoss Leos Hand an Robins Gesicht vorbei und man konnte eine Goldmünze aufblitzen sehen. Der Hüter verstummte augenblicklich. Er nahm die Münze und biss darauf.
"Warum habt ihr das nicht gleich gesagt?", murrte er und Robin konnte hören, wie ein Schlüssel ins Schloss gesteckt wurde. Langsam zog er seine Hand zurück und nickte dem Vampir dankbar zu.
Eine kleine Tür im Portal schwang auf und der Hüter lies sie ein.
"Wo finden wir unsere Freundin?", wollte Leo wissen.
"Was weiß ich?", entgegnete der Hüter mürrisch.
"Eine Mumie, ungefähr so groß." Robin zeigte auf seine Kinnhöhe. "Schwarzes Haar, irgendwo hier in der UU. Bei einem Zauber!"
Der Hüter grinste schmierig. "Woher soll ICH denn wissen, was hier um diese Zeit noch geschieht?"
Robin seufzte und suchte - wie auch Leo - in seinen Taschen nach einer weiteren Münze. Doch Leo war wieder schneller und hielt dem Mann eine weiter glänzende Münze vor die Nase. "Wo ist sie? Hast du sie gesehen?", fragte er.
"Ja, ich habe heute Abend eine Bandagierte gesehen, Sie folgte einigen Zauberer in die Kellergewölbe, dort die Treppe runter." Gierig schloss sich die runzelige Hand um die Münze, während die beiden Wächter in die angegebene Richtung davon stoben.

"Und wie sollen wir sie hier finden?", fragte Leo seinen Kollegen, als sie in den Kellern angekommen waren.
"Sei still, ich höre Stimmen, so etwas wie Gesänge.", erwiderte Robin und schlich weiter.

***


Die Luft in dem kleinen Kellerabteil surrte von Magie. Immer wieder war das Leuchten kleiner Blitze zu sehen und die Kerzen waren fast gänzlich herunter gebrannt.
Die Zauberer schlossen den Kreis um die Untote enger und ihre Stimmen wurden kräftiger, die Gesänge tiefer und machtvoller.
Oktarines Licht schien mittlerweile um die Mumie zu glühen, das auch den Skarabäus und ihre Kanopten erfasst hatte.
Plötzlich sprang die Tür auf und eine Stimme rief "AUFHÖREN!".
Doch keiner der Anwesenden zuckte mit der Wimper. Die Untote war längst nicht mehr in hiesigen Sphären und die Zauberer wirkten wie in Trance.
Robin und Leo schauten sich verzweifelt an, was sollten sie machen? Robin ging entschlossen zu einem der Behüteten hin und rüttelte ihn an der Schulter, ohne dabei zu bedenken, dass er damit den Zauber stören würde und vielleicht etwas bewirken konnte, was nicht geplant war. Leo brüllte derweil nochmals "AUFHÖREN!".
Erschrocken, dass ihnen eine Stimme fehlte (Robin hatte den 'Vorsänger' erwischt), erwachten die Zauberer und drehten sich um.
Das Flirren der Luft stellte sich augenblicklich ein und die Blitze verpufften gleißend hell. Ein eisiger Wind pfiff durch das Gemäuer, die Kerzen verloschen für Sekunden, entzündeten sich dann aber durch die in sich zusammenbrechende Magie wieder. Robin wurde schlecht, während Leo von Kopfschmerzen geplagt wurde. Auch die Zauberer schienen auszusehen, als ob sie unter Nebenwirkungen zu leiden hätten.
"WAS FÄLLT EUCH EIN?", brüllte einer der Zauberer, nachdem er seine Fassung wieder gefunden und seinen Magen unter Kontrolle gebracht hatte. "IHR HABT DEN ZAUBER ZERSTÖRT!"
Weder Robin noch Leo scherten sich um die Worte, sonder gingen auf den steinernen 'Altar' zu, auf dem die Mumie lag. Ihr Körper glühte noch immer von den Nachwirkungen der Magie, sodass man sie nicht richtig erkennen konnte. Robin streckte die Hand aus und wollte sie berühren, als ein Zauberer ihn unsanft zurückriss.
"Lass die Finger davon, du musst warten, bis der Zauber abgeklungen ist.", erklärte der Mann mit heiserer Stimme. "Oder wollt ihr Wächter euch zur Zeit alle umbringen?", fragte er bissig nach.
Sorgenvoll blickten die beiden Wächter auf die in Licht gehüllte Gestalt ihrer Kollegin und Freundin. Waren sie noch rechtzeitig gekommen?
Langsam erlosch das Glühen und nefer wurde sichtbar. Der Zauberer nahm die Hand von Robins Schulter, der auch sofort zu der Untoten hineilte.
ABER - was war das? Auch Leo staunte.
Nefers Bandagen waren verschwunden, stattdessen schimmerte ihre Haut unter dem Kleid elfenbeinfarben und samtig. Auch war sie nicht mehr verrunzelt und ausgedörrt wie eine Mumie, sondern hatte die Gestalt einer jungen Frau. Auf ihrem Gesicht lag ein friedliches Lächeln.
"Wir sind zu spät.", schluchzte Robin leise auf.
Leo sagte nichts. Er stützte sich auf seinen Kollegen und schloss die Augen, um nicht mehr die Tote ansehen zu müssen.
Robin hielt nefers Hand, während er sich an den Vampir lehnte und heiße Tränen seinen Blick verschleierten.
Doch, da war etwas. Er hatte etwas gespürt!
Der Dobermann wischte sich mit dem Hemdsärmel über die Augen und blickte die bandagenfreie Mumie an.
"Leo, sieh mal.", flüsterte er leise dem Vampir zu, der den Kopf an seiner Schulter verborgen hatte und still weinte.
Leo sah sich um und stutzte.
"Robin, kann es sein?", fragte er beinahe tonlos.
Der Obergefreite nickte, auch er konnte erkennen, dass die 'Untote' atmete. Das hatte sie vorher nie getan.
Langsam - unendlich langsam - schlug nefer die Augen auf und blickte um sich. Als sie Robin und Leo erkannte, schienen ihre Augen vor Zorn zu sprühen. Sie richtete sich auf und blickte die beiden teufelswild an.
"WAS FÄLLT EUCH EIN?", donnerte sie los. "Nicht mal STERBEN lasst ihr einen!", schrie sie wutentbrannt.
Robin und Leo blickten sich an und lächelten. Das war die nefer, die sie kannten. Alsdann schlossen sie sie in die Arme, worauf diese so verdutzt war, dass sie nicht einmal mehr weiterschimpfte.
"Wir haben dich vermisst, kleine Verrückte du!", flüsterte Robin.
"Ja, wir wollen nicht, dass du gehst. Wir wollen, dass du bei uns bleibst. Irgendwie finden wir eine Lösung, ich versprech's.", murmelte auch Leo, während beide Wächter nefer festhielten.
"Aber ich will nicht mehr untot sein.", sagte die 'Mumie' leise resignierend.
Robin und Leo ließen sie los und sahen sie von oben bis unten an.
"Neferchen, schau dich mal an.", lächelte Robin seine Kollegin an.
Diese hob ihre Hand und blickte sichtlich verstört auf ihre Haut. Sie hob die andere Hand und fuhr sanft mit den Fingerspitzen über ihren Arm. Wo waren die Bandagen geblieben? Ihre Haut war weiß, so wie sie war, bevor sie gestorben war. Nef betrachtete ihre Fingernägel, die rosig schimmerten. Zaghaft fuhr sie damit über ihre Haut und blickte erstaunt auf, als sie den sanften Druck als unangenehm empfand. Sie atmete tief durch. HALT! Was tat sie? Sie atmete? Nefer versuchte das wie immer zu unterlassen, aber dann merkte sie, dass das nicht so ratsam war, denn ihre Lungen (?) schrieen nach Luft. Auch war ihr schwindlig, aber das musste von der Magie kommen, und ihr Magen (so was hatte sie doch nicht) schien zu rebellieren, wogegen auch immer. Langsam rutschte sie von dem steinernen Tisch herunter und versuchte auf ihren wackligen Beinen zu stehen.
'Ich hasse Zauberer, immer geht was schief.', fluchte sie innerlich, enttäuscht darüber, dass ihr Plan gescheitert war.
Schweigend betrachtete sie sich ungläubig von oben bis unten. Eindeutig, unter ihrem beigen Kleid sah man ihren Körper - den Körper einer jungen durchaus begehrenswerten Frau - hindurchschimmern und irgendwie hatte sie das Gefühl, einen Abort aufsuchen zu müssen. Aber das konnte nicht sein, sie war doch tot bzw. untot gewesen!
Ratlos blickte sie die Zauberer an. "Kann es sein, dass ich wieder ein Mensch bin?", fragte sie verwundert.
Einer der Männer mit den spitzen Hüten nickte. "Ja, Miss. Die beiden haben uns beim Ritual gestört und da ist etwas - äh - schief gegangen. Man könnte sagen, Sie leben wieder, ja.", murmelte er verlegen.
Nefer lächelte und das erste Mal sahen ihre Kollegen, welch Frau unter den Bandagen gesteckt hatte.
"Ich lebe?", wiederholte sie noch immer verunsichert.
Die Zauberer nickten.
Nefer sah ihre beiden Freunde an. "Ihr habt mir meinen schönen Plan zerstört, wisst ihr das überhaupt? Aber irgendwie kann ich euch nicht einmal mehr böse sein, ohne euch wüsste ich nicht, dass es Wesen gibt, denen ich etwas bedeute.", lächelte sie sanft und ihre grünen Augen strahlten dabei und auf ihren Wangen schimmerte eine zarte Röte. "Lasst uns gehen, ja?"
Robin und Leo strahlten und stützten die ehemals Untote, die sich in ihrem 'neuen' Körper erst zurechtfinden lernen musste. Langsam verließen sie mit ihrer neu geborenen Freundin die Unsichtbare Universität.

***


"Neferchen?"
"Ja, Robin?", lächelte die ehemalige Mumie verführerisch.
"Lass bitte den Blödsinn mit dem Dich-Umbringen!", grinste der Dobermann und errötete, denn im Mondschein vor der Universität wurde ihm erst bewusst, wie durchsichtig nefers Kleid eigentlich war.
"Ja, wir wollen dich nicht verlieren!", stimmte ihm auch Leo zu.
Die junge Frau lachte glockenhell auf. "Jungs, ich sollte wütend auf euch sein. Zumal ich mich dank euch wieder ans Leben gewöhnen muss. Aber was soll's, ihr wollt mich anscheinend nicht loswerden. Darf ich euch in den Eimer entführen?", fragte sie süß. "Oder vielmehr von euch dorthin stützen lassen? Ich möchte meinen Geburtstag mit meinen Rettern feiern!"

[1] Wobei man beim Ankh nicht von rinnen sprechen konnte, sich schmieren traf die Sache schon eher

[2] ein Unwissender hätte es einfach als Chaos bezeichnet




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