Nachtleben

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von Feldwebel Rabbe Schraubenndrehr (SEALS)
Online seit 06. 10. 2019
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 Außerdem kommen vor: Thaddäus von AbendfelsSillybosWilhelm SchneiderRomulus von GrauhaarCim Bürstenkinn

In einer dunklen, nassen Nacht trafen sich zwei sehr unterschiedliche Gestalten. Aus ihrem zwielichten Zusammentreffen sollte sich eine unerwartete Freundschaft entwicklen.

Dies ist die Geschichte ihres ersten Treffens.

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Prolog in der Dachkammer
AMJ 2015



Der Speicher ist von Staub gesäumt. Die alten, dunklen Möbel kleben vor lange verstorbenen Insekten. Der Dielenboden ist befleckt und ungepflegt.
Alte Blutspuren zeigen wo Körper entlang geschleift wurden.
Ein Mann steht im Schatten. Im fahlen Licht ist ein Anstecker an seinem Revers zu erkennen.
Der andere ist ein Vampir.

Edwin Spinazo III. von Labskaus zieht an einer langen, silbernen Pfeife.
"Es läuft gut."
"Was heißt das?"
Edwin steht unter dem Dachfenster. Sein rotes Haar leuchtet im Schein der Nachmittagssonne.[1]
Der andere mag die Sonne nicht.
"Niemand scheint einen Verdacht zu hegen. Niemand stellt die Kawwer-geschichte in Frage. Sämtliche Aufträge wurden als ungelöst oder als Selbstmorde zu den Akten gelegt."
Er nimmt einen Sog am schlanken Schnabel des Tabakverbrenners und stößt weißen Rauch aus.
Der Mann im Schatten geht auf und ab.
"Gut. Wir haben einen weiteren Agenten besorgt. Das sollte die Aktenlage nochmal verbessern."
"Verbessern?"
Der Schattenmann nickt. "Eine falsche Fährte. Er wird uns nützlich sein falls ein Opferlamm nötig wird, um deine Deckung zu wahren."
Edwin nickt.
"Wie heißt der Neue?"
"Erick Nassbremser."

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*12. Februar im Jahr der trudelnden Maus*

Die Strahlen der Sonne krochen gemütlich über die Scheibe. Hier und da durchbrach das Licht die Reste des stahlgrauen Februarhimmels. Kleine Inseln warmen Scheins erleuchteten den frischen Morgen.
In einem Keller in der schlechtesten Gegend von Ankh-Morpork nahm Rabbe einen Schluck Kaffee. Die trockene Luft ihres gut geheizten Kellers machte ihr den Hals kratzig. Irgendwie kam ihr der Kaffee heute bitterer vor als sonst. Sie sah nachdenklich zu Alexander herüber, der gerade einen weiteren Schluck trank bevor er sich umdrehte und seinen Rucksack weiter packte. Er war für einige Monate bei ihr geblieben um 'sich mal wieder eine Weile in der Stadt rumzutreiben' und hatte vergangene Woche beschlossen, nun wieder nach Llamedos heimzufahren.
Rabbe massierte sich die Nasenwurzel. Ihr Bruder war hier weil er sich um sie hatte kümmern wollen. Weil sie nach den Ereignissen in Überwald ein wenig instabil gewesen war und Hilfe hatte brauchen können. Sie war froh darüber gewesen, aber sie würde auch erleichtert sein wenn er weg war. Wenn er nicht mehr im Wachhaus herumlungerte, ihren Kaffee trank, die Frauenwelt unsicher machte, mit dem Stammagenten Tee trank...
...ihr nicht mehr zuhörte. Nicht nach Dienstschluss auf sie wartete. Nicht mehr nach ihr sah, ihr kein Frühstück mehr richtete und sie nicht mehr nervte...
Rabbe seufzte und räumte ihre Kaffeetasse weg. Sie hatte sich den morgen frei genommen damit sie die wenige Zeit die blieb noch mit ihrem Bruder verbringen konnte bevor er wieder abreiste.
"...habe ich übrigens erwähnt...", murmelte selbiger. "...dass Lars sich wieder in der Stadt rumtreibt?"
Rabbe spülte in aller Ruhe ihre Tasse weiter, froh darum dass ihr Bruder ihr Gesicht nicht sehen konnte dass sich plötzlich unangenehm warm anfühlte. "Ach ja?", fragte sie unbeteiligt und begann, die Spüle ausgiebig zu putzen.
"Jupp. Er hat mir schon letzte Woche eine Klackernachricht geschickt, wollte wissen ob du noch immer hier lebst. Und wo."
Nun drehte sich Rabbe um und sah ihn mit einer Mischung aus Verlegenheit und Panik an. "Du hast es ihm doch nicht gesagt, oder?"
Er sah zur Decke und kratzte sich am Kopf. "Also... Wie soll ich sagen..."
"Alex!", sie durchquerte den Raum und schüttelte ihn. "Was hast du ihm gesagt?"
Alexander blickte seine Schwester an und kicherte. "Du müsstest dich mal sehen, Rabbie. Bist ganz rot und deine Augen funkeln richtig..."
"Tun sie gar nicht!"
Er räusperte sich; "Ich habe ihm gesagt dass du noch hier lebst, aber nicht wo genau und dass er bei den Behörden fragen soll wenn er dich sucht.", er zwinkerte und stopfte eine Box in seinen Rucksack während Rabbe begann, nervös auf und ab zu laufen.
"Hnrrrrgggg! Waruuuum? Ich... gnaargh...", sie vergrub das Gesicht in den Händen.
"Wäre dir lieber gewesen wenn ich ihm gesagt hätte dass du nicht mehr hier bist?"
Rabbe hielt inne und sah beschämt zu Boden. "Nein.", sagte sie kleinlaut. "Aber... ich weiß einfach nicht... Ich hab ihn so lang nicht gesehen, aber..."
Der Schwarzhaarige trat näher und strich ihr über den struppigen Kopf. "Ach Rabbie... Ich werd dich vermissen."
Sie sah ihn wehmütig an und er drückte sie an sich. "Pass auf dich auf, okay? Und melde dich das nächste mal bevor du am kaputt gehen bist." Rabbe brummelte etwas unverständliches in seine Schulter und verharrte so. Sie wusste nie wie sie mit Abschieden umgehen sollte.

Als seine Postkutsche später davon fuhr bahnte sich ein kurzes Schluchzen den Weg aus Rabbes Kehle. Sie schluckte und fuhr sich mit den Händen durchs Gesicht, seufzte kurz und knackte ihre Schultern. "Tja... da geht er hin.", dachte sie, drehte sich um und lief zurück Richtung Schatten. Es hatte keinen Sinn, wehmütigen Empfindungen nachzugeben, das wusste sie genau. Das Problem damit war nur, dass sie nicht mehr ganz sicher war, wer sie eigentlich war. Die Ereignisse der letzten Monate hatten sie sichtlich verändert. Sie fühlte sich ausgeglichener als früher, doch fehlte ihr auch ihre Zielsetzung. Sie hatte die letzten sechzehn Jahre relativ ziellos verbracht, ein Teil von ihr hatte aber immer vorgehabt zurück zu gehen und... die Rechnung zu begleichen. Nun da dies erledigt war hatte sich eine schwere Last von ihr gelöst. Aber es hatte ihr auch die eine Aufgabe genommen die immer in ihr gelebt hatte.
Was sollte sie nun tun?
Auf dem Weg eine Antwort zu finden beschloss sie, erstmal Inventur zu machen. Sie ging heim in ihren Keller und schnitt ihre Pflanzen zurück. Sie fegte den Keller und reinigte alle Flächen. Sie legte all ihre Waffen sorgfältig aus und polierte jede einzelne. All dies während sie versuchte einen Plan zu machen wie es weiter gehen sollte. Möglichst ohne an Lars zu denken. Während Sie ihren Silberdolch polierte dachte sie vor allem nicht an die ersten Wochen die sie mit ihm auf See verbracht hatte oder die zögerliche Annährung im Krähennest oder,-
Sie schüttelte den Kopf und schnaubte entnervt. Das hatte alles keinen Sinn. Sie brauchte eine Aufgabe. Einen Fall. Ein Projekt, eine Mission. Die Dunkelwacht würde ihr sicher helfen ein größeres Ziel zu verfolgen, aber... was war dieses Ziel?


Als Rabbe in ihr Büro am Pseudopolisplatz kam erwartete sie... Arbeit. Eine Akte lag auf ihrem Tisch, eine Notiz daran geheftet. 'Der Tatort ist in unmittelbaren Taubenterritorium. Je schneller du durch bist, desto besser.' Rabbe blinzelte überrascht, nahm die Akte und lief direkt los. Ein Blick in die selbige verriet ihr, dass sich das Opfer auf dem Dach des Opernhauses befand. Die Wächterin zog die Brauen kraus, zapfte sich im vorbei gehen einen Kaffee in der Kantine und las die spärlichen Informationen die ihr sonst bereits zur Verfügung standen. SUSI hatte noch keine Tatortbilder gemacht, keinen Bericht geliefert. Wahrscheinlich war der Fall erst ganz frisch hereingekommen. Als vorläufige Todesart war das Durchbohren mit einem scharfen Gegenstand angegeben, möglicherweise ein Schwert.
Sie klappte die dünne Mappe zu und nippte an ihrem Kaffee. Der Tag war noch immer unerhört sonnig, der Himmel viel zu blau. Sie lief gestochenen Schrittes über den Pseudopolisplatz den kurzen Weg zur Oper hinüber. Vor dem Gebäude stand Charlie Holmes. Der Inspäctor tat sein Möglichstes, Staatsautorität und Selbstbewusstsein auszustrahlen, doch die Masse an Tauben die gluckend und wackelnd vor ihm vor sich hin zuckten machte ihm seine Aufgabe schwer. Als er sie sah wirkte er erleichtert. "Rabbe. Hier um den Tatort zu sehen?", fragte er rhetorisch, wies aber bereits mit einem Daumen über die Schulter. "Drinnen direkt die Treppe hoch, auf der rechten Seite. Ganz oben müsste der Hausmeister warten, der lässt dich aufs Dach." Rabbe nickte dankbar und ging nach drinnen.

Das Opernhaus war ein merkwürdiger Ort. Sie war schon einmal hier gewesen. Beim Empfang eines Diplomaten aus Klatsch hatte sie zusammen mit drei anderen Wächtern für zusätzliche Sicherheit sorgen sollen. Sie schützten den Mann im Wesentlichen vor jungen Idealisten, die wollten dass die Geschäftsleute Ankh-Morporks Geschäfte mit ihm machten. Offenbar handelte es sich bei dem Botschafter um den Besitzer mehrerer Hurenhäuser und eines Armenviertels, in einer der kleineren Regionen Klatschs.
Für die anwesenden Geschäftsleute hatte dies im Wesentlichen bedeutet, dass sie offen mit ihm über ihre wirtschaftlichen Interessen reden konnten.
Rabbe sprintete die Treppen hoch. Es handelte sich um hellen Marmor welcher in beeindruckend ästhetische Formen gebracht worden war, basierend auf Plänen eines Architekten der gewusst hatte, dass er selbst diese Stufen nie würde erklimmen müssen.
Am Dachzugang angekommen zeigte Rabbe wortlos ihre Wachemarke. Der kurze Sprint hatte sie mehr außer Atem gebracht als sie zuzugeben bereit gewesen wäre. Sie trat hinaus und schnappte kurz nach Luft bevor sie in Richtung der altbekannten blauen Uniformträger weiter marschierte.
Das Dach des Opernhauses war funktional. Es war nie dafür gebaut worden hier große Empfänge oder sonstige Imposante Veranstaltungen abzuhalten weshalb der Großteil der Fläche aus praktikablem grauen Stein bestand welcher von allerlei Schächten, Rohren und Oberlichtern gesäumt wurde. Im Randbereich des Daches bildeten 14 spitz zulaufende Säulen eine gewaltige Krone auf dem quadratischen Korpus des Gebäudes. Der Rand des Daches stufte sich zweimal in weitere, eckige Ringe aus. Die 'Stufen' waren jeweils etwa einen Meter tiefer und kaum einen Meter breit.
Die Leiche lag auf der untersten Stufe.
Es roch nach Minze.
"Morgen Rabbe". Sillybos kaute freundlich. Rabbe seufzte kurz, konnte sich ein Grinsen aber nicht verkneifen. Manchmal kam es ihr so vor als ob sie Sillybos an jedem ihrer Tatorte begegnete. Stets ohne Sorge, immer mit etwas zu Essen in der Hand. "Hallo Sillybos, Hallo Olga-Maria... Habt ihr schon was für mich?" Sie zog ihre Handschuhe an.
Olga-Maria blätterte durch ihre Notizen. Sie stand auf dem oberen Teil des Daches während Sillybos direkt neben der Leiche stand. Das ein Schritt weiter nach links seinen sicheren Tod durch dreckige Straße bedeuten würde schien ihn nicht zu kümmern. "Wir haben die Aufnahmen schon gemacht, du kannst ihn dir also ruhig genauer anschauen. Die Ratten waren allerdings schon dran.", erklärte er.
"Er wurde vor etwa 90 Minuten vom Hausmeister gefunden der hier hochkam um Pause zu machen. Er wurde auf den Toten aufmerksam, weil sich die Tauben an ihm bedient haben...", fügte Olga hinzu. Rabbe nickte. Die Hinterlassenschaften der Tauben waren unübersehbar. In letzter Zeit mieden die Wasserspeier die Innenstadt, was eine Vermehrung der Tiere zur Folge gehabt hatte. Rabbe blickte sich nachdenklich um. "Wie seid ihr die Tauben so gut los geworden? Ich habe unten bei Charlie noch welche gesehen, aber hier scheint ihr das ja in den Griff gekriegt zu haben..."
Sillybos grinste verschmitzt. "Als der Tote gemeldet wurde hat man auch das mit den Tauben durchgegeben. Nyvania hat sich erst vor einer Viertelstunde auf den Rückweg gemacht. Seit sie hier war haben die Viecher ihre Lektion gelernt. Die Überlebenden, zumindest."
Rabbe grinste kurz, wurde dann aber wieder ernst. Der Tote war groß. Um die 1,90 groß, breit gebaut. Seine Kleidung sprach von teuer Eleganz gepaart mit einem schlechten Modegeschmack, in Form eines zartblauen Anzugjacketts mit lackartigem Aufschlag. Er trug glänzende schwarze Schuhe. Die Haare voll Pomade, der spärliche Bart gewichst.
Er roch stark nach Minze.
Das Opfer war offenbar an einer tiefen Wunde in der Brust gestorben. Sie war um die 4cm breit und sah sehr unsauber aus. Ungeplant. Eine schmierige Masse war über die Wunde und die Kleidung gegossen worden.
Minzöl. Schon wieder.
"Gibt es eine Spur von der Tatwaffe?"
"Nein." Sillybos blätterte in seinen Unterlagen. "Aber wir gehen bisher davon aus das es etwas großes, unsauberes war. Es handelt sich nicht um ein Schwert oder einen Dolch. Wahrscheinlicher erscheint eine Metallstange oder so etwas. Genaueres können wir erst nach der Obduktion sagen."
Rabbe nickte nachdenklich und besah sich den Körper weiter. Sie tastete mit den Fingern an der Wunde. Sie wirkte sehr tief, die Ränder ausgefranzt. Die Haut an der linken Seite schien gefärbt. "Hm." Sie sah wieder auf. "Habt ihr euch seine Brust schon angesehen?"
"Wir wollten warten bis du da bist... aber wir haben die Farbe auch gesehen..."
Rabbe knöpfte dem Toten das Hemd auf. Eine Tätowierung offenbarte sich - eine von der teuren Art. Filigrane Linien mit guten Farben. Nicht die hässlich braun-schwarzen, kruden Bilder der Kittchenkünstler. Das Bild zeigte eine Art Schiefertruhe umgeben von goldenem Licht, umwoben von mehreren goldenen Ketten welche ineinander über gingen. Rabbe pfiff anerkennend. "Das sieht sehr professionell aus. Vielleicht kann DOG uns weiter helfen...", sie schob das Hemd weiter zurück um den Kollegen das Ikonographieren zu erleichtern bevor sie sie den Toten weiter inspizierte. Fingernägel, Arme, Gesicht... Seine Kleidung war tadellos, abgesehen von dem blutigen Krater über den Rippen. Es gab keine Anzeichen für einen Kampf. Der Mann war offenbar schnell gestorben. Sein Gesicht war in einem Ausdruck aus krampfartigem Schmerz und leichter Überraschung erstarrt. Die Ermittlerin seufzte, stand auf und zog die Handschuhe aus. "Also gut... Ich denke ich habe alles. Macht mir nur bitte nochmal eine Ikonographie von dem Symbol, ich will es Leuten zeigen können. Ansonsten schicken wir ein paar Rekruten herum um die Gästeliste durchzuarbeiten wer den Toten gekannt haben könnte. Und sendet die Ikonographie auch an DOG rüber, die sollen mir Bescheid geben ob es eine Verbindung zu den Gilden gibt... Schafft ihr die Obduktion heute noch?"
"Denke schon. Wir hatten nicht so viel die letzten Tage und Saugi ist hungrig."
Rabbe lächelte gequält und nickte den Wächtern freundlich zu als sie sich entfernte, das Bild der Tätowierung nachdenklich hin und her wendend. Wer war das Opfer? Und warum musste es sterben?

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Im Wachhaus in der Kröselstraße herrschte Chaos. Rekruten rannten, schlurften und siechten durchs Wachhaus, die Unterrichtssräume waren dreckig und alle waren für irgendwas zu spät. Ein typischer Tag im Ausbildungswachhaus.
Wilhelm Schneider seufzte. Er war damit beauftragt den Schlafsaal aufzuräumen. Die in den Betten lümmelnden Rekruten waren dabei nur Teil des Problems. Er scheute sich nicht wirklich, sich die Hände schmutzig zu machen, hier und da Staub zu wischen oder einen schlimmen Fleck weg zu schrubben. Aber die Bettbezüge waren widerlich. Nicht nur waren sie lange benutzt und nie gewaschen - die Muster waren auch noch absolut widerwärtig! Wer auch immer diese Textilien verbrochen hatte gehörte gevierteilt...
Aber was hatte er erwartet? Er war kaum mehr als eine Woche bei der Wache. Es würde Zeit brauchen bis er mit interessanten Tätigkeiten betreut werden würde - als Rekrut würde dies wahrscheinlich nie eintreffen, aber wenn er erst einmal Gefreiter war würde es womöglich besser. Er schüttelte das letzte eklige Kissen auf und tat einen Schritt zurück.
Es war Zeit für einen Kaffee.
Er schleppte sich in den Aufenthaltsraum und begann Verhandlungen mit dem uralten Kaffeedämonen als seine Ausbilderin eintrat. Sie ließ kurz den Blick durch den Raum schweifen bevor sie die Stimme anhob; "Alle Rekruten die gerade niftf fpepfififef fu tun haben, kommen bitte her. Du nicht Fneider, du bift noch fu neu." Wilhelm blinzelte und verzog das Gesicht. Er sehnte sich keinesfalls nach mehr Arbeit, aber interessanter könnte sie schonmal sein. "Was heißt das, Mäm? Habe ich nach einer Woche Betten machen, Boden wischen und Strohpuppen schlagen noch nicht genügend Qualifikation sammeln können?"
Rogi sah ihn wenig amüsiert an. "Du haft ef erfafft.", sagte sie trocken und wandte sich den anderen zu. "Ef gibt einen Mordfall mit einer hohen Pfahl potenfieller Pfeugen. Ihr müfft beim fieben affiftieren. Folgt mir."
Wilhelm blickte den Kollegen säurig nach. Befragungen für einen Mordfall! Da passierte einmal etwas Interessantes, und was durfte er machen?
Putzen und Tresendienst. Er seufzte. So hatte er sich den Wachdienst nicht vorgestellt. Das stimmt nicht. Du hast dir vorgestellt das du so etwas durchmachen müsstest aber nach kurzer Zeit im Gegenzug interessante Informationen finden würdest. Dass solch lohnende Situationen ergeben würden die all dies wett machen würden... Du hast dir nur nicht vor Augen gehalten wie lange das dauern würde... Wilhelm ignorierte sich selbst. Er hatte nur noch wenige Stunden Schicht. Der Kaffeedämon wählte diesen Moment um zu platzen und Kaffee in einer thaumische Wolke herum zu spritzen.
Wilhelm seufzte. Dies war nur eine Phase.

Nach weiteren drei Stunden nervenzerfressend langweiligen Dienstes hatte der alte Rekrut endlich Feierabend. Er zog sich in der Mannschaftsumkleide um, wo durch die Magie guten Schneiderhandwerks aus dem leicht zerzaust aussehenden Rekruten Schneider plötzlich der wohlgepflegte, respektierte Schneidereibesitzer Wilhelm Schneider wurde. Er ordnete noch kurz seine Haare bevor er in die kühle Nachtluft heraustrat. Der Vampir brauchte Entspannung und etwas interessantes um seinen Intellekt zu nähren. Den ganzen Tag unsinnige Putzarbeiten machen war einfach zu stumpfsinnig. Er legte den Kopf in den Nacken und blickte in den Himmel, bevor er seinen Entschluss fasste. Entschiedenen Schrittes machte er sich auf den Weg. Nach über zwei Jahrhunderten in dieser Stadt kannte er sich in manchen Stadtvierteln extrem gut aus, so dass er in Rekordzeit beim alten Schloss ankam. Dieses Lokal war berühmt dafür, dass es hier allerlei Informationen bei gutem Bier zu haben gab.
Für den richtigen Kunden dehnte sich das Ausmaß dessen was es gutes von wem gab natürlich noch einmal deutlich aus.
Der Vampir trat mit langsamen, bedächtigen Schritten ein, den Kopf hoch erhoben, den Rücken durchgedrückt. Wie in vielen anderen Geschäftsbereichen der Stadt hatte er auch hier Kontakte die ihm den einen oder anderen Gefallen schuldeten. Gefallen die sie ihm nur höchst ungern erfüllen würden. Aber was wäre schon die Alternative? Wilhelm trat in den hohen Saal ein. Prächtige Kronleuchter erhellten den renovierten Empfangssaal wo er über die fein gearbeiteten Fliesen schritt. Um diese Zeit tratschte ein Durcheinander zahlloser interessierter, interessanter und unwissender Personen. Welche Person in welchem Gespräch welche Rolle hatte war Teil des Spiels. Wilhelm setzte sich ohne Präambel an den dritten Tisch auf der rechten Seite, genau neben einen Reporter der Sto-Welle und gegenüber Sacharissa Kratzgut von der Ankh-Morpork Times. Er lächelte herzlich und zeigte seine Zähne. "Werte Dame! Wie schön euch zu sehen, und in so untadeliger Gesellschaft noch dazu!", rief er freundlich. Seine Augen blitzten amüsiert, als er die unterschiedlichen Regungen über ihr Gesicht huschen sah. Erschrecken, erkennen, Amüsement und Misstrauen waren alle kurz zu erkennen bevor sie ihn routiniert freundlich begrüßte. "Herr Schneider! Wie schön Sie zu sehen. Geschniegelt und gebürstet wie immer... obwohl sie da etwas im Haar zu haben scheinen." Wilhelm war dies peinlich, er kaschierte es jedoch so gut er kannte. "Ach? Dann befinde ich mich Ihnen gegenüber wohl im Nachteil, Madame. Wenn Sie es wohl entfernen könnten?"
Er lächelte schelmisch zu ihr herüber und beugte sich vor. Sie entfernte das Blatt und ließ ihre Hand vielleicht einen Augenblick, einen Wimpernhauch zu lange auf seinem Haupt verharren. Dann war der Moment vorbei.
"Also? Ich erinnere mich dir vor einer Weile ausgeholfen zu haben, Sacharissa...", er ließ den Blick zu dem anderen Reporter schweifen der ihn finster anstarrte. "...und dir ebenfalls Tom. Was gibt es also Neues in der Welt wovon sie noch nichts erfahren soll ehe die Schlagzeilen abgesprochen sind?"
Tom schnaubte. Er hasste Vampire und machte das gerne so deutlich er nur konnte. Aber am Eingang zu diesem Etablissement wurden stets sämtliche Knoblauchknollen, Weihwasserfläschchen und sonstigen fernwirksamen Kampfmittel eingezogen. Sie galten als zu unhöflich. Immerhin erhielt man eine Quittung.
"Hrmpf. Graf Silberbaster wurde tot aufgefunden. Man wird es erst in drei Tagen verkünden." Er blätterte durch seine Notizen und zog die Augen kraus. Tom Weinblume sah eigentlich selbst viel mehr wie ein Wächter aus als Wilhelm. Er trug immer eine braun-graue Jacke, nicht unähnlich derer die einige höherrangige Wächter trugen. Dazu einen passenden Hut und eine Ausstrahlung von stoischer Griesgrämigkeit wie sie fast schon aus dem Bilderbuch für versoffene Detektive stammen könnte. "Silberbaster wurde ziemlich sicher von seinem Bruder erstochen. Es wird unter dem Deckel gehalten damit der Markt für Langgustensehnen nicht sofort explodiert." Er stand auf und grunzte. "Damit sind wir quitt. Sacharissa, melde dich morgen nochmal bei mir. Heute sind wir bestimmt nicht mehr unter uns..." Er nickte ihr ernst zu und als Wilhelm zu Sacharissa zurück sah, meinte Wilhelm, einen sehnsüchtigen Blick in ihren Augen zu sehen. Ihr Herz schlug schnell. "Oho!", dachte er kurz und beschloss dieses Detail zwar unangesprochen zu lassen aber es doch für spätere Verwendung im Gedächtnis zu behalten. Immerhin war die Dame eigentlich seit Jahren angeblich glücklich verheiratet...
Sacharissa räusperte sich betreten. "Ich bin nicht sicher was ich dir Interessantes sagen kann, Herr Schneider. Du weißt es gibt Grenzen dessen was ich weitergeben darf, meine Quellen-"
"Shhhh", machte Wilhelm leise und lächelte sie durchdringend an. Er mochte die Rolle die er hier spielte. "Ich würde nie eine Quelle in Gefahr bringen, Sacharissa... Du weißt, von mir erfährt niemand etwas. Das weißt du aus Erfahrung. Und ich will die Information ja nur für mich, für mein eigenes Vergnügen so zu sagen..." er legte den Kopf schief was ihm in dem matten Licht einen neckischen Ausdruck verlieh. Zufrieden bemerkte er, dass sie ganz leicht errötete bevor sie nervös durch ihre Dokumente ging.
"Also gut..."

Einige höchst interessante Minuten später schlängelte Wilhelm sich wieder durch die Massen. Hier und da hörte er interessante Gesprächsfetzen die ihn einluden nachzuforschen...
"...soll beim Patrizier vorliegen..."
"...tot! Und keiner wird..."
"...das sagen die Bänker!"
"...voller Enten!"
"...wird es zu massiven Lieferengpässen kommen, wenn das Problem bis morgen nicht..."
"...aber so läuft es im Orden nun mal..."
Er leckte sich die Lippen und widerstand dem Drang. Das Geplänkel mit der Reporterin war nur ein Vorgeschmack gewesen. Ein Appetithäppchen sozusagen, obgleich sie ihn nie hatte kosten lassen. Nun, er würde sie nie drängen, das widersprach seiner Natur. Aber sie roch so...komplex, dass sein Interesse allzu bald sicher nicht verfliegen würde.
Wilhelm machte eine elegante Halbdrehung als er sich halb unter einem Kellner und seinem Tablett vorbei schlängelte um seitlich an der Bar entlang durch den kitschigen Perlenvorhang zu gehen. Er wusste immer noch nicht wer die schreckliche Entscheidung getroffen hatte das Ding dahin zu hängen. Er hatte in der Vergangenheit versucht es entfernen zu lassen, musste zu seiner Schmach jedoch feststellen dass seine Überzeugungskraft nicht ausreichte, um das klischeehafte Dekostück zu entfernen.
So viel zum Thema einflussreicher Vampir.
Er ging gehobenen Schrittes durch den schmalen Tunnel und fand sich in der überraschend gut ausgeleuchteten KräuterLaunsch wieder. Hier bekam man alles, auch wenn man auf manches ein paar Tage warten musste. Er ließ sich schwungvoll an der Bar nieder als der Barkeeper auch schon erschien. Timo war mit seinen 1,30m ein wahrer Riese in der Gemeinschaft der Zwerge. Dass er seinen Bart kurz und ordentlich in Form getrimmt trug und gemeinhin in einem maßgeschneiderten grauen Anzug anzutreffen war half seinem Status in jenen Bereichen nicht. Eine Tatsache die ihn wenig störte, waren andere Kreise ihm doch viel wichtiger. Er nickte Wilhelm grüßend zu und hob fragend eine Augenbraue. Wilhelm lehnte seinen Arm über die Theke, stütze den Kopf auf und blinzelte den Zwerg an. "Timo... Ich frage mich ob du nicht Lust hättest, mir Sophia zu holen und uns dann ein wenig Gesellschaft zu leisten?" Er hob anzüglich die Augenbrauen. Timo schnaubte. "Wenn du mit mir reden willst gehen wir kurz in die Orchidee. Wenn wir fertig sind kannst du dir Sophia selbst suchen gehen und sie dir rüber holen, aber ich habe dann wieder...meine Pflichten." Seine Stimme, gleich mürrisch und betont entnervt sie doch war, hatte doch immer etwas sehr anziehendes für den Vampir. Der Zwerg sprach in einem sehr glatten, eleganten ankhisch und seine tiefe melodische Stimme war eine ganz eigene Verführung. Timo hatte eine innere Schönheit, eine Zartheit, Reinheit welche durch seine nussig braunen Augen, die eleganten Brauen und den feinen Kleidungsstil nur angedeutet wurde. Wenn der Zwerg den Mund öffnete und seine Stimme frei ließ wurde das Bild erst vollkommen. Wilhelm hatte ihn einmal singen hören und wenn er auch gemeinhin keine romantischen Gefühle in dererlei Richtungen hegte, weder für Timo noch für andere nicht-Frauen, so hatte die Präsenz dieses jungen Mannes doch einen ganz eigenen Zauber auf ihn.
So bot er ihm schelmisch lächelnd den Arm als dieser um die Bar herumtrat um ihn ins Separee zu begleiten. Der Zwerg schnaubte erneut und sie liefen schweigend durch eine weitere Tür auf der anderen Seite des Raumes. Im Inneren des kleinen runden Zimmers erhob sich eine geisterhafte Struktur aus blauen, matt leuchtenden Blütenblättern um eine Sitzgarnitur herum. Die Blüte reichte zur Decke und um einzutreten musste man eines der Blätter leicht verschieben. Im matten Blütenlicht setzten sie sich. Timo zog eine Zigarre aus der Tasche und zündete sie in langsamer Zeremonie an. Er schmauchte einen Moment lang gemütlich den teuren Tabak, als wäre der Vampir nicht hier. Als hätte er ihm nicht eben deutlich zu verstehen gegeben dass er ein viel beschäftigter Zwerg war.
Wilhelm schluckte jeden Kommentar herunter. All dies gehörte zum Spiel. Er ließ sich in das weiche Polster zurücksinken und legte die Beine an den Fußgelenken übereinander. Wäre er ein atmendes Wesen würde er nun entspannt seufzen. Langsam fiel die Erschöpfung des Tages von ihm ab. Das Gespräch mit den Reportern hatte seinem Intellekt geholfen, aber dieser ruhige, bequeme Ort tat seinem erschöpften Vampirkörper gut. Fehlte nur noch das Seelenwohl.
"Es kommen Agenten in die Stadt. Es wurden Erkundigungen eingezogen. Jemand will mehrere Morde ausführen lassen ohne die Gilde zu behelligen." Timo zog mit einer exquisiten Geste an der Zigarre und seufzte in eigener Entspannung. "Selbige Agenten sollen auch größere Mengen an Diamanten in die Stadt herein und Drogen aus ihr heraus schmuggeln. Mehr kann ich dir nicht sagen." Er stand auf. "Opernhaus. Mittwoch Abend."
Die Tür schloss sich. Angenehme Ruhe umgab ihn. Schmuggler. Mörder. Machtspielchen. Alles amüsante Informationen mit denen sich viel anfangen ließe. Vielleicht konnte er in irgendein lohnendes Geschäft mit einsteigen. Die Sache mit Lord Silberbaster vielleicht...
Ein zufriedenes, entspanntes Lächeln machte sich auf Wilhelms Gesicht breit. Sein Geist fühlte sich stimuliert und zugleich entspannt - perfekte Harmonie. Die Tür öffnete sich leise und der Abend wurde perfekt. Sophia trat mit leisen Schritten ein und blieb vor ihm stehen. Ihre helle Haut leuchtete im matten Licht. Wilhelm lächelte sie erfreut an. Er stand auf und gab ihr mit einer Verbeugung einen zarten Handkuss. "Sophia... wie schön dich hier zu haben..." Er mochte Sophia. Nicht nur wegen ihres appetitlichen Duftes sondern auch um ihrer selbst willen. Die junge Frau war schön und von gutem Herzen. Sie hatte lange schwarze Haare von exotischer Feinheit, einen gesunden cremigen Hautton und eine wohlige Figur. Sie war nicht so dürr wie manche seiner Artgenossen es in letzter Zeit zu oft bevorzugten, aber auch nicht übertrieben kurvig. Perfekt.
"Hallo Wilhelm..." begrüßte sie ihn mit einem schüchternen Lächeln. Ihr Herz schlug schnell. Sie kannten sich jetzt schon länger, aber sie war immer wieder freudig erregt ihn zu sehen.
Er lächelte. "Möchtest du etwas trinken?"


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Zwischenspiel auf dem Dielenboden


Der Mond scheint hell durch das Dachfenster. Die Geräusche der Nacht dringen herein.
Im fahlen Licht sieht man die Spinnweben an den Wänden.
Die Gesichter der Sprecher bleiben im Schatten.

"Einer reicht nicht."
"Ich weiß. Ich weiß es muss mehr sein..."
"Wenigstens noch drei weitere."
Edwin seufzt hörbar. Er geht auf und ab, streicht sich mit einer Hand durch den roten Haarbusch. "Der Mann ist ein Cretin."
"Das spielt keine Rolle."
"Brauchen wir ihn wirklich? Er wollte meine Technik mit einem Brecheisen imitieren! Ein Brecheisen! Das hat keinen Stil."
"Also hast du den Auftrag selbst erledigt, ich weiß. Und das ist auch kein Problem. Er wurde dort gesehen. Du nicht. Das ist die Hauptsache."
"Oh, der Mythos vom Massenmörder... Das Ganze erscheint mir reichlich überflüssig. Amateurhaft."
Der andere strafft seine Gestalt, rückt sich die Krawatte zurecht. Er trägt eine silberne Lilie am Revers.
"Wir brauchen mehr. Aber es hat Zeit."
Für einen Moment herrscht Schweigen. Edwin zieht an seiner Pfeife und blickt aus dem Fenster.
"Was ist mit dem anderen Problem? Es ist zu früh um mich unauffällig darum kümmern zu können."
"Das ist kein Problem. Ich kenne sie. Es wird ein leichtes sie in die Irre zu führen."
Edwin zuckt mit den Schultern und tritt unters Fenster.
"Ich weiß ihr wollt ihn als-"
"Wir wollen."
"-Wir wollen ihn als längerfristiges Opfer aufbauen. Aber wenn du versagst... Ich kann schnell ein paar Aufträge vorziehen. Dann wäre Nassbremser genug etabliert, könnte sie aus dem Weg räumen und die Wache würde ihn jagen."
"Du hast es immer so eilig, Edwin. Nein. Wir warten. Die Wächterin wird mich nicht verdächtigen. Mich nicht."


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*12. Februar. Abends.*

Die finstere Nacht malte graue Schatten im Lichte der Laternen, Lampillions und zahllosen Fackeln welche die Stadt erhellten. Rabbe sprintete über eines der langen Dächer in der Langenhofstraße. Die Obere Welt war um diese Zeit nur moderat beschäftigt. Hier und da lauerte ein Assassine im Schatten oder zog sich zwischen Schornsteinen um. Diebe schwangen sich von Regenrinnen hier und da in ungeschützte Wohnungen. An den interessanteren Fassaden übte die Bruderschaft des Extremkletterns ihre Künste.
Rabbe beachtete das Nachtvolk kaum. Ihr Weg führte sie in Richtung Haufen.
Ein Mann war auf dem Dach des Opernhauses gestorben. Durchbohrt. Überraschend. Unsauber. Mit Pfefferminzöl verschleiert.
Sie sprang auf das nächste Dach und schlitterte die Schräge hinab.
Die Rekruten die Gästeliste durchgehen zu lassen hatte ihr die Identität des Opfers beschert. Emmerich Hendrick. Mitglied der Kaufmannsgilde. Er war am Abend zuvor zu Gast bei einem Empfang im Opernhaus gewesen.
Niemand wusste etwas. Niemand konnte sich erinnern ihn gesehen oder mit ihm gesprochen zu haben. Keiner seiner Freunde, Bekannten oder Nachbarn wusste irgendetwas. Niemand hatte den Mann oder irgendjemand anderen auf das Dach gehen sehen. Es gab keine Quittung.
Die Wächterin sprang aufs nächste Gebäude zu - sie landete mühevoll auf einem Fensterrahmen und griff hastig nach dem Dachvorsprung. Es dauerte einen kurzen Moment angestrengten Hebens und würdelos wirkenden Zappelns bevor sie sich aufs Dach ziehen konnte und ihren Weg fortsetzte.
Die Tätowierung wies ihn als Mitglied der 'Bruderschaft der himmlischen Bänker' aus. DOG hatte angegeben, dass das Symbol im Wesentlichen während Ausbildungen an bestimmten Banken erworben wurde. Es gab einen Kodex, Traditionen und einen geheimen Handschlag. DOG ging davon aus, dass das Motiv des Mörders nichts mit der Klubzugehörigkeit des Opfers zu tun hatte[2], und das Rabbe mit anderen Ansätzen mehr Erfolg haben würde. Von DOGs Bericht abgesehen beschränkten ihre bisherigen Ergebnisse sich auf zahllose Befragungen von Freunden und Bekannten des Opfers. Die erstaunlicherweise alle von nichts etwas zu wissen schienen und natürlich auch perfekte Alibis hatten.
Zu perfekt.
Bis sich an den bestehenden Aussagen und der Informationslage nichts änderte gab es offiziell betrachtet keine Möglichkeiten für weiteres, sinnvolles Ermittlungsvorgehen.
Und doch...
Leibchen 'Kuherde' Thomas war, so Kolumbini[3], ein seltsamer Zeuge gewesen. Laut mehreren Aussagen der beste Freund des Opfers. Ausnehmend betrübt. Hatte nichts gesehen. Nichts gehört. Wie alle anderen auch...
Für Lance-Korporal Schraubenndrehr war sein Name auch absolut unbekannt. So wie sie auch vom Nocturnen Panoptikum - das Kuherde regelmäßig frequentierte - noch nie etwas gehört hatte.
Unlizenzierte Vigilanten standen da schon viel mehr Informationen zur Verfügung. Die Dunkelwacht hatte schon länger ein wachsames Auge auf die Lokalitäten geworfen. Nicht nur wegen der hohen Frequenz missglückten Todesklaueneier-Handels[4].
Rabbe machte einen beherzten Sprung und blieb stehen. Sie atmete ein paar Minuten durch. Ruhe und Ausgeglichenheit waren entscheidend. Dann trat sie zum Rand des Daches, ging in die Hocke und ließ einen wachsamen Blick durch die Nacht schweifen.


Die Strahlen der Morgensonne würden noch für ein paar Stunden auf sich warten lassen als 'Kuhherde' Thomas das Nocturne Panoptikum verließ. Der Gauner war alles andere als nüchtern, aber er kannte sich aus. Seine Füße dachten für ihn, selbst wenn der Kopf in Alkohol schwamm. Er summte ein fröhliches Lied. Die Sache mit Emmerichs Monetisierung war ausgezeichnet gelaufen. Über die Bemühungen der Wache konnte er da nur lachen. Der Inspäctor der ihn befragt hatte schien ja nicht allzu dumm gewesen zu sein, aber letztlich hatte er von ihm abgelassen. Es waren alles nur Worte. Wie sollte irgendjemand glauben ihn mit Worten irgendwie bedrohen zu können?
Kuhherde entfuhr ein dumpfer Laut der Überraschung als er zu Boden gerammt wurde. Sein trunkenes Hirn brauchte einen Moment um zu verstehen was passiert war, als er auch schon von hinten gepackt wurde. Seine Schultern wurden blockiert, sein Mund zugehalten, was ihm überhaupt erst Panik einflößte. Wer verhindern wollte das man schreit hat gemeinhin Dinge vor, die Schreien rechtfertigen würden. "gnnmmmmpfftnnngnnn!", rief er, doch der Andere hatte ihn fest gepackt. Nach kurzem Gerangel erhaschte er einen Blick auf die Gestalt. Es handelte sich um eine große Person in dunkler Kutte. Ein Grummeln erklang, eine Hand schoss vor. Thomas wurde näher gerissen und bekam einen Schlag auf den Kopf. Als er das nächste Mal zu sich kam, kämpfte er mit der Orientierung. Irgendwie war es auf einmal viel windiger. Der Geruch des Ankhs war deutlich dominanter. Er öffnete die Augen und bereute es sofort. Die schwarze Gestalt stand direkt vor ihm. Ein Grinsen blitzte ihm fahlen Mondlicht und auf einmal fiel er. "OHMEINGOTTNEINICHWILLNICHTSTERBENICH,-", schrie er. Der Ankh kam rasend schnell auf ihn zu bis er es plötzlich nicht mehr tat. Ein reißender Schmerz in seinen Knöcheln versuchte ihm mitzuteilen was hier passierte, doch er war zu sehr damit beschäftigt den übrigen Alkohol seines Magens wieder dem Ankh zuzuführen. Wimmernd baumelte er hin und her. Er schien von einer Art Brücke oder so herunter zu hängen - aber war er nicht viel tiefer gefallen? Die meisten Brücken in Ankh-Morpork waren nicht besonders hoch... Es mangelte ihm an Zeit darüber nachzudenken, denn wer auch immer ihn in Fängen hatte, zerrte ihn wieder nach oben. Langsam bahnte sich auch der schreckliche Schmerz der Knöchel stärker zu ihm durch und er begann vor Pein zu weinen. Die Realität war einfach nicht wie in den Groschenromanen die seine Freundin so liebte. Kein Mann konnte allzu schlimme Pein einfach mit einem trocknen Kommentar und dem ausspucken seiner Zähne hinnehmen. Nicht ohne einen ordentlichen, betäubenden Schlag gegen den Schädel.
Nach einer Ewigkeit hatte sein Peiniger ihn endlich hochgezogen. Offenbar stand er auf einem Gebäude? Die Person hielt ihn mit beiden Händen an der Schulter über den Rand des Gebäudes hinaus. Leibchen wimmerte noch immer, doch wenigstens hatte man seinen Kopf wieder nach oben gedreht. "Wer hat Emmerich Hendrick getötet?", wurde er angebrüllt. Er war so überrascht von der plötzlichen Äußerung das er kaum verstand was er gefragt wurde. Die kalte Nachtluft pfiff ihm um die Ohren und für einen Moment fragte er sich, ob nicht irgendjemand hören würde was hier passierte, ihm vielleicht zur Hilfe kommen könnte. Ein trockener Schluchzer entrang sich seiner Kehle. Dies war Ankh-Morpork. Natürlich hörte ihn jemand. Es war nur allen egal.
Erneut wurde er umgedreht und fallen gelassen "NEIN!OHGOTTNEIN!BITTENICHT!", hörte er sich selbst schreien. Diesmal wurde er nur halb so weit fallen gelassen, doch der Schrei der ihm entkam, als seine Füße versuchten den restlichen Körper im Stich zu lassen war markerschütternd und rang ihm selbst viel zu laut in den Ohren wieder. Er schluchzte hemmungslos. "OHBITTEICHSAGEALLES!"
"EMMERICH HENDRICKS! WER HAT IHN GETÖTET?!!"
Kuhherde zitterte. "Ein Fremder! Ein Profi aus Zemphis! Erick Nassbremser!"
"WER HAT IHN ANGEHEUERT?!"
"Ich weiß es nicht! Ich sollte ihn nur ins Gebäude rein und wieder rausbringen und dafür sorgen das Emmerich in die Falle geht! Das hab ich getan!"
"Wer hat dich bezahlt?!"
"Ich..." Kuhherde begann langsam seine Fassung wieder zu gewinnen. Ihm begann klar zu werden, was die anderen mit ihm machen würden, wenn raus kam das er geredet hatte. Sein Ruf war im Eimer! Niemand würde mehr mit ihm arbeiten wollen.
"WER HAT DICH BEZAHLT?!" die Gestalt schüttelte ihn.


Es dauerte länger als Rabbe lieb gewesen wäre die übrigen Informationen aus dem Zeugen heraus zu holen. Nach getaner Arbeit legte sie ihn hinter dem Sybil Gratishostpital ab und klingelte. Hier würde man sich um ihn kümmern denn die Ärzte dieses Ortes scherten sich nicht um den Beruf ihrer Kunden. Eine nefariöse Berufsbezeichnung war kein Ausschlussfaktor - nur ein Anreiz sein Essen zu stehlen.
Sie wischte sich das Blut von den Handschuhen ab und warf den Fetzen in den Ankh bevor sie das nächste Dach hoch kletterte. Ihre Arme taten weh. Kuhherde war eine gute Informationsquelle gewesen, ja, aber diese Ermittlungsmethode hatte nun mal ihre Nachteile. Sie rieb sich die Arme, trotz der Schmerzen zufrieden mit dem Ergebnis. Der Mann selbst war zu ängstlich gewesen um lange für sich zu behalten was er wusste. Nun hatte sie Informationen. Einen Namen. Einen Herkunftsort. Eine Personenbeschreibung. Damit ließ sich arbeiten!
Die Wächterin machte sich auf den Weg zum Hauptquartier. Es wurde Zeit für etwas Unterstützung durch ihre Kollegen.


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Der folgende Morgen brachte neben leichten Kopfschmerzen und einem allgemeinen Mangel amüsanter Gesellschaft auch die muffigen Gerüche des Wachhauses mit sich. Rabbe gähnte herzhaft. Sie befand sich in Romulus' Büro, um sie herum die anderen Mitglieder RUMs. In ihrer Hand eine leere Kaffeetasse. Sie gähnte erneut. Zwischen ihrem letzten Dienst, den nächtlichen Aktivitäten und dem Beginn des heutigen Dienstes hatte sie kaum geschlafen. Sie sah Romulus wie durch einen Nebel als er im Büro umherstrich und der Abteilung einen seiner Vorträge über püschologische Zeugenbefragung und effiziente Ermittlungsstruktur hielt. Die Ermittlerin sah zu wie er eine frische Dose Superbulle öffnete und für einen Moment wirkte als würde er vibrieren. Es war frustrierend. Sie hatte eine echte Spur im Fall Nassbremser, aber sie konnte ihr im Dienst - während sie dafür bezahlt wurde Verbrechen aufzuklären - nicht weiter nachgehen! Nein, heute musste sie Berichte schreiben bevor sie nach Dienstschluss wieder die Spur aufnehmen konnte bloß, weil sie innerhalb des Dienstes nicht genug Material hatte anhand dessen man den Fall hätte weiter verfolgen können.
Sie seufzte und sah aus dem Fenster.
"...kümmern sich am besten Fred und Rabbe", schloss Romulus die Aufgabenverteilung und ließ den Blick über die versammelte Truppe schweifen. Mina, Rabbe, Kolumbini, Mimosa, Septimus, Remedios, Dagomar, Jack, Thask und seit neuerem sogar Ettark! Keine Abteilung war so gut besetzt wie die seine. Der Stolz ließ ihn noch etwas größer werden. Sie hatten gute Aufklärungsquoten, engagierte Ermittler... Zu schade, dass es keinen Abteilungspokal mehr gab. Inzwischen waren sie so gut gerüstet, dass sie exzellente Voraussetzungen für einen Sieg hätten. Aber man konnte ja nicht alles haben.
"Gibt es noch Fragen?" Rabbe blickte ihn leicht verdattert an. Sie hatte nicht die geringste Ahnung für was sie soeben eingeteilt worden war. "Ausgezeichnet, dann sehen wir uns nächsten Freitag zur nächsten Besprechung!" Allgemeines Stühlerücken und Stimmgemurmel machten sich breit. Rabbe stand nur langsam auf und gähnte herzhaft. Sie würde Kolumbini fragen müssen was gemeinsame Aufgabe war. Doch der Gedanke an den Hendricksfall war ihr derzeit so viel wichtiger. Dass sie die Ermittlung nicht als Wächter weiterführen konnte wurmte und erleichterte sie zugleich. Es wäre so einfach bestimmte Türen mit einem Zücken der Wachemarke zu öffnen. Leider wusste sie auch, dass sich damit gleichzeitig die Münder verschließen würden. Außer sie würde handgreiflich werden. Dann wären diese Leute sehr schnell sehr gesprächig. Nur leider nicht auf die Art, die ihren Ermittlungen nützte.
"...Rabbe?"
"Hm?!" Die Wächterin zuckte. Kolumbini stand im Gang neben ihr. "Entschuldige. Ich bin brutal übermüdet, hab nicht so richtig viel von der Besprechung mitgekriegt. Was sollen wir tun?"
Kolumbini lachte. "Die Akte von den Bombenlegern vor ein paar Wochen. Rom will, dass wir nochmal prüfen ob es offene Enden gibt in dem Fall." Rabbe schaute leicht verwirrt und der Inspäctor lachte erneut, diesmal etwas gequälter. "Rabbe, die Truppe mit denen du nach Ankh-Morpork gekommen bist. Iridium und so. Offenbar sind welche von den Frachtbriefen des Schiffes abhanden gekommen und wir sollten sicher sein dass wir alle erwischt haben, denkst du nicht?" Rabbe nickte langsam und fuhr sich mit den Händen durchs Gesicht. "Ja, klar. 'türlich. Entschuldige, zu wenig Schlaf. Ich hol mir erstmal 'nen Kaffee, dann können wir loslegen." Fred nickte. "Gut, ich fang schon mal an." Er winkte mit der Akte als hätten sie nicht stundenlangen langweiligen Papierkram vor sich und begab sich in sein Büro.
Rabbe gähnte herzhaft und zuckte zusammen als ihr Kiefer protestierte. Sie rieb sich den Hals. Wie konnte sie Iridium vergessen? Es war kaum einen Monat her und der Kerl hatte ihr schließlich einiges an Zähnen ausgeschlagen. Nicht dass es das nicht wert gewesen wäre, und der Igor hatte gute Arbeit geleistet, aber... ihr Mund fühlte sich dennoch komisch an.


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Wilhelm Schneider erwachte entspannt und zufrieden. Er nahm sich Zeit damit die Augen zu öffnen, schwebte noch einen Augenblick im süßen Nachgeschmack der vergangenen Nacht bevor er sich dem Morgen ergab und gähnte. Die nächsten Schritte erfolgten im Automatismus. Er stand sofort auf, vorsichtig damit Sophia nicht zu wecken. Er nahm sich eine mechanische Sekunde um den Anblick der schlafenden Schönheit wertzuschätzen bevor er sich in die Küche begab und einen Kaffee aufstellte. Es war stets sein erster Schritt, wenn eine Dame sein Bett geteilt hatte. Während das schwarze Ambrosia köchelte begann er Teller und Tassen vorzurichten, die gute Marmelade, frischen Käse und ähnliche Leckereien in sorgsam gehüteten Porzellanbehältern zu Tisch zu richten. Es handelte sich um ein beinahe übertrieben bemaltes Frühstücksservice welches ihm ein Kunde vor langen Jahren als Bezahlung überlassen hatte. Bei der Dekoration handelte es sich vor allem um Malereien von Singvögeln, Bambus und Bonsaibäumchen welche in filigranem und doch dynamischen Stil auf den Tassen die Geschichte der großen Vogeltragödie[5] erzählten. Er konnte es nicht wirklich leiden. Für sich selbst bevorzugte er stilvolle, simple Designs und praktische Formen, doch Sophia liebte die Achatene Kunst. Er seufzte kurz, legte Besteck zurecht und lauschte einen Moment nach Geräuschen der jungen Frau. Ihr Herzschlag befand sich noch immer in dem ruhigen, regelmäßigen Pochen der Schlafenden. Der Vampir ging leise nach unten und kehrte nach wenigen Augenblicken auch schon vom Bäcker zurück. Während er die Croissants begutachtet hatte war der letzte Rest des Schlummers von ihm abgefallen und nun begann sein Gehirn schon wieder Funken zu sprühen. Er legte die Croissants bereit und trat mit dem Kaffee in der Hand ins Schlafzimmer. Gleich würde er ein harmonisches Frühstück genießen, doch seine Gedanken rauschten längst in andere Richtungen.
Der vorige Abend war so lohnend gewesen, trotz des ärgerlichen Tages zuvor. All diese Informationen, all dies Material. Eine Stoffsammlung wilder Eingebungen, bereit von geübter Hand zu Intrigen verwoben zu werden. Sein Geist war stimuliert wie lange nicht mehr. Wenn jetzt noch die Textilproben aus Gennua einträfen wäre der Morgen perfekt.
"Guten Morgen, liebste Sophia", säuselte er leise und blies sanft den Kaffeedampf zu ihr herüber.

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Der restliche Morgen verging in gemütlicher wenn auch spärlicher Konversation. Nachdem Sophia sich verabschiedet hatte war der Schneider noch ein wenig über die neuen Schnittmoden aus Gennua gegangen bevor er frohen Mutes das Haus verließ. Gestern Mittag war er noch widerlicher Laune gewesen, doch nun? Er lächelte unverhohlen. Er würde ein paar Verhandlungen mit dem neuen Stofflieferanten in der Eppengasse führen, den Zwirn bei Herrn Scheuer abholen und dann seine Kontakte abklopfen. Lady Selachii, Lord Ebert, Lord Seyfert... Mindestens einer von Ihnen würde ihm sicher mit Kusshand eine Einladung zu diesem...Event besorgen.


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Rabbe gähnte. Der Mittag war gekommen und gegangen. Kolumbini war an sich keine schlechte Gesellschaft doch nach dem gefühlt zehntausendsten Frachtbrief waren beide nur noch launisch und mürrisch. Rabbe gähnte herzhaft. "Vielleicht sollten wir morgen weiter machen..." Eine Rohrpost knallte aus dem Rohr auf ihren Schreibtisch und beide schreckten hoch. "Argh!", entfuhr es Kolumbini in einem leicht quietschenden Tonfall bevor er sich sofort wieder betont gelassen gab. "Ich meine...oh. Siehst du, Abwechslung. Ich bin sicher du hast eine unglaublich spannende Rohrpost...so dass wir beide...hoch motiviert sein werden...danach noch sämtlichen Papierkram fertig zu määähn..." Sein Satz endete in einem Gähnen. Rabbe schnappte sich die Kapsel und zog die Botschaft auf, bemühte sich um einen neutral gelangweilten Gesichtsausdruck. "Noch mehr Papierkram. DOG fordert von mir Berichte von irgendeinem Mord nahe einer Gilde an den ich bearbeitet hatte und wo die Akten wohl noch bei mir sind." Kolumbini schüttelte einen Moment den Kopf. "Es reicht. Ich mach Schluss für heute. Morgen den Rest, dann kannst du DOG noch deinen Kram schicken..." Rabbe nickte müde. Inspäctor Kolumbini stand zerknittert auf und schlurfte müde davon.
Rabbe wartete bis seine Schritte verklungen waren und blickte dann noch einmal nachdenklich über die Nachricht. Sie wusste nicht, welche Kontakte Cim genutzt hatte, aber in ihren Händen hielt sie die Ankh-Morporker Adresse von Erick Nassbremser.
Sie blickte nachdenklich auf die Wörter. Dies erschien zu einfach. Wenn Nassbremser wirklich ein Profi war - warum hatte er sich dann unter seinem richtigen Namen ein Zimmer genommen?
Rabbe seufzte. Es hatte keinen Sinn darüber zur grübeln denn es änderte effektiv nichts an ihrem nächsten Schritt.
Ein Streichholz später war die Nachricht Asche. Sie warf ihren Mantel über und trat hinaus.
Zeit für einen Hausbesuch beim Auftragskiller.


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Wilhelm fuhr liebevoll mit einem Finger über den goldenen Rand der Einladung und schenkte seiner Kundin ein charmantes Lächeln mit einem halben Diener. "Ergebensten Dank, Teuerste Lady." Sie lächelte leicht errötend zurück und schlug einen Fächer auf mit dem sie sich Luft zuwedelte. "Es ist mir eine Freude, Wilhelm. Wo du doch quasi mein Haus- und Hofschneider bist. Und das schon so lange." Sie trug eine seiner besseren Kreationen[6] - ein luftig-elegantes Kleid aus seidener Creme und schwarzer Spitze - Stilvoll, voll geschlossen und doch mit einem Eindruck schwebender Eleganz. Genau auf Ihren Typ geschnitten. Die Textilwellen umflossen sie gleich eines seidenen Wasserbogens und für einen Moment verlor er sich in der Schönheit seiner eigenen Arbeit. Der Stoff war perfekt.
"Wie steht es denn um die Pelzstulpen die ich haben wollte?"
"Es wird noch ein wenig dauern, teuerste Lady, doch ich versichere euch, das Warten ist es wert. Nichts wärmt so schön und ist zeitgleich so geschmeidig wie die echten Geziefer. Und davon genug zu bekommen dauert um diese Zeit leider ein wenig."
"Na gut. Aber lass mich nicht zu lange warten."
"Natürlich nicht, Lady Selachii. Ich melde mich sobald es etwas Neues gibt." Er macht erneut einen Diener und verließ sie.
Draußen angekommen schob er die Einladung sorgfältig in seine Innentasche und wandte sich zurück in Richtung Innenstadt. Er hatte die Einladung, das Swoerbgarn und wirklich ausgezeichnete neue Exklusivverträge mit dem neuen Händler. Seine Schritte trugen ihn beschwingt durch die Stadt. Ein exzellenter Tag soweit, und die Vorfreude auf den Abend beflügelte ihn noch mehr. Sollte er alleine hingehen oder Sofia um Begleitung bitten? Dreiteiler oder Frack? In Gedanken sah er sich schon die geschwungenen Bögen zum kantigen Opernhaus erklimmen.
Der weiße Frack. Er sah es deutlich und eine glühende Vorfreude bemächtigte sich seiner. Es war als hätte er einen besonders guten Jahrgang verkostet aber nicht genug bekommen um seinen Durst zu stillen - als hätte er, buchstäblich, Blut geleckt. Er spürte es. Diese Nacht würde etwas besonders werden.


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Rabbe schritt zielstrebig durch die Innenstadt. Laut Cims Nachricht war Nassbremser in einem Gasthaus im Oberen Breiten Weg eingemietet- eines der besseren Hotels in der Stadt. Rabbe hatte bisher nie dort zu tun gehabt und wusste nicht wie ihr Kollege an die Information gekommen war oder wie viel ihr dies wirklich bringen würde. Aber es war zumindest ein Anfang.
Sie näherte sich dem Etablissment in geübter Gelassenheit. Sie war in Zivil hergekommen. Der Name des Mörders zusammen mit der Information wo er sich eingemietet hatte waren beide nicht wirklich für Lance-Korporal Schraubenndrehr verfügbar - Und da sie sich tagsüber an einen normalen Ort begab und tatsächlich mit Leuten an der Rezeption reden musste - ohne sie zu verprügeln, ohne irgendwelche übermäßige Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen - hatte sie keine Wahl gehabt und sich angemessen gekleidet. Saubere schwarze Lederschuhe, eine fein gearbeitete blaue Leinenhose und ein helles, sauberes Hemd. Hosenträger. Einen zweireihig geknöpften Frack. Ihre Haare waren gekämmt und zu einem effizienten Zopf zusammengebunden. Sie hatte eine Brille aufgesetzt und fühlte sich so verkleidet wie selten zuvor, bemühte sich aber um Selbstsicherheit. Man durfte ihr nicht anmerken wie fremd ihr ihre eigene Erscheinung war als sie endlich am Hotel ankam.

Rabbe wusste nicht was sie erwartet hatte. Es handelte sich um ein dreistöckiges Gasthaus im traditionellen Stil. Alte Steinmauern mit großen Fenstern und metallenen Zinnen auf dem Dach. Es gab nur wenige Gebäude dieses Alters, die dem letzten größeren Stadtbrand entgangen waren. Rabbe blieb unbeeindruckt und schritt durch den Eingang. Blaues Licht flutete durch die getönten Fenster. Sie gab sich einen kurzen Moment zur Orientierung in dem unerwartet dunklen Raum, ließ den Blick über die langen Holzstreben in der Decke streifen. Ein Geruch von Holzpolitur, Nussbaumöl und edlem Wein kitzelte ihre Nase als ein Herr in einer Ecke auch schon aufsprang und bestimmten Schrittes auf sie zu kam. "Es tut mir so leid, gnädige Frau, aber das Restaurant ist noch geschlossen und das Hotel vollkommen überbucht...", sprach der Mann, kaum dass er in Hörweite war. Er trug einen glatt sitzenden anthrazitfarbenen Dreiteiler der ICH-WILL-WICHTIGER-AUSSEHEN-ALS-ICH-BIN schrie.
Hatte bestimmt viel Geld gekostet.
Rabbe lächelte ihn freundlich-bissig an. "Oh das ist in Ordnung, ich bin nicht deswegen hier. Zumindest nicht direkt." Sie zog ein kleines schwarzes Notizbuch aus ihrer Tasche, ließ es aber ungeöffnet. "Ich bin Herr Königs neuer Buchhalter und wurde gebeten einen seiner Geschäftspartner...einzusammeln." Sie betonte das letzte Wort mit einem geringfügig ominösen Unterton. "Erick Nassbremser ist der Name. Ist er im Haus?" Sie bemühte sich um einen ausdruckslos-ernsthaften Gesichtsausdruck.
"Nun...", der Mann wirkte ein wenig überrascht. "Die Privatsphäre unserer Kunden ist uns natürlich wichtig. Wie Herr König weiß sind wir aber natürlich stets zu gewissen Arrangements bereit..." Er hob bedeutungsvoll die Augenbrauen. Rabbe schüttelte theatralisch den Kopf und seufzte, zog dann ein Bündel Geldnoten aus der Tasche. Das gekonnte ablecken des Fingers bevor sie Noten abzählte hatte sie vor dem Spiegel geübt damit es möglichst natürlich wirkte. "Dass ihr uns nicht einmal so aushelfen könnt,-" murmelte sie, als wäre es ein Tanz den sie schon zigmal getanzt hätten. Sie nahm zehn Scheine und hielt sie neben sich in die Luft ohne sie herüber zu reichen und gab dem Mann einen ruhigen Blick. "Also...Erick Nassbremser?"
Der Mann lächelte, zog seinerseits ein Büchlein aus der Tasche und begann darin zu blättern.
"Rabbe, bist du das?", ertönte eine Stimme irgendwo hinter der Wächterin. Sie erstarrte. beruhigdichberuhigdichberuhigdich...LASS DIR NICHTS ANMERKEN! Du bist Paul Königs Buchhalter, Petra Scherbenfleck, du weißt nichts über Rabbe Schraubenndrehr oder die Stadtwache oder den Mann der gerade näher kommt... sie bemühte sich um einen neutralen Ausdruck doch ihr Herzschlag raste in ihren Ohren, der Schweiß war ihr ausgebrochen und sie hörte, spürte wie der nicht so Fremde näher kam. Sie traf eine Entscheidung und wirbelte herum.
"Lars! Was für eine Überraschung!", rief sie in erfreutem Tonfall und gab ihm ihr bestes Lächeln. Sie versuchte krampfhaft eine Lösung für die aktuelle Situation zu finden aber ihr Verstand schien wie erstarrt im Angesicht ihres ehemaligen Liebhabers. Sie hatte ihn jahrelang nicht gesehen und nun... stand er hier. Zum schlechtesten nur möglichen Zeitpunkt. Und er hatte die Frechheit beinahe genauso auszusehen wie früher. Halblange braune Haare. Ein struppiger Vollbart und diese verdammten grauen Augen. Rabbes Mund war trocken, doch ihr Verstand lief weiter. Bemerkte die fast schon klischeehafte Arbeitertracht mit auffällig teuren Stiefeln, die kleine Schnittwunde am Hals, die abgegriffene Weste...
"Rabbe... du bist es tatsächlich. Ich wusste doch ich kenne diese Stimme..." Er sah sie warm an und strich ihr mit einer Hand über die Wange. Rabbe starrte. Die Geste fühlte sich unverschämt vertraut an nach allem was passiert war, nach all der Zeit, nach über fünfzehn Jahren...
Aber sie fühlte sich auch unerhört gut an. Es war lange her, dass Irgendjemand sie auf zärtliche Weise berührt hatte und bis ihr Verstand sich wieder genug eingeschaltet hatte um sich zu erinnern dass sie seine Hand wegschubsen oder beißen oder ihn ohrfeigen sollte hatte er sie schon herunter genommen. Sie machte ein knirschendes Geräusch. "Ja. Nun. Was soll ich sagen... ich lebe ja schon etwas länger hier."
Der Angestellte stand noch immer neben den beiden und blickte etwas unsicher hin und her. "Herr... Beinfall. Möchten sie alleine mit der Dame sprechen? Sie hatte ja eine Anfrage...", ergänzte er mit einem leicht säuerlichen Tonfall da er sehen konnte das sein Bestechungsgeld rapide Abstand von ihm zu nehmen schien.
Lars sah den Bediensteten leicht missbilligend an. "Natürlich erhält sie die Informationen die sie braucht gratis, Sven", sagte er jovial. "Betrachte es als kleine Geste meiner Freundschaft, liebste Rabbe," sagte er an sie gewandt. Diese knirschte erneut. "Danke, nein. Paul König bezahlt immer was er schuldig ist," presste sie hervor und drückte Sven das Geldbündel in die Hand welches er erfreut annahm. "Erick Nassbremser... bitte," wiederholte sie ein weiteres Mal. Sven nahm die Unterlagen wieder zur Hand, wurde von Lars jedoch zur Seite gedrückt der selber nachsah. "Ahja... er ist nicht hier fürchte ich." Er lächelte gewinnend. "Aber er hat sich Karten für den Ball im Opernhaus morgen Abend reservieren lassen, falls das helfen sollte." Rabbe nickte. "Herr König ist Ihnen sehr dankbar für Ihre fortgesetzte Hilfe", erwiderte sie an Sven gerichtet.
Sie sah Lars betont freundlich an doch das Lächeln erreichte ihre Augen nich recht. "Lars, es war nett dich zu treffen und danke für deine Hilfe, aber ich bin geschäftlich unterwegs. Ich bin sicher wir sehen uns ein andern mal."
Er nahm ihre Hand und küsste sie sacht.
Rabbe sah sich hin und hergerissen zwischen dem Auskosten der Situation und dem Bedürfnis, dem Mann die Zähne auszuschlagen. Sie zog ihm die Hand weg. "Wiedersehen Lars", sagte sie kühl und ging.
Lars grinste ihr nach.


Rabbe machte sich so schnell sie konnte auf den Weg ins Hauptquartier. Sie bemühte sich um den zielstrebigen aber entspannten Gang eines Verwaltungsangestellten der es nicht eilig hat zurück an den Arbeitsplatz zu kommen, doch ihr Inneres rannte und schrie und sprang von einer Emotion in die andere. Lars war hier. Nicht nur in der Stadt, sondern in dem Hotel, in dem der verdammte Mörder sich eingemietet hatte! Kürzlich erst! Wie konnte er es überhaupt wagen sie anzufassen?!
Ihre Wangen und Hände glühten noch immer von der sachten Berührung der rauen Finger. Das Ganze war ihr unglaublich peinlich. Ganz davon abgesehen, dass es gefährlich genug war sich für einen von Königs Leuten auszugeben, jetzt war auch noch ihr echter Name an diesem Ort bekannt! Nicht nur das, Lars hatte womöglich andere nützliche Informationen über sie die er mit diesen Leuten teilen konnte. Hatte Alexander ihm erzählt das sie Wächterin war? Nein. Nein, er hatte Andeutungen gemacht die man so hätte auslegen können aber...
Fühlte er noch etwas für sie?
Sie hatten sich damals getrennt als der Kapitän gestorben war, als Rabbe wieder in die Ferne zog - nicht um eine neue Heimat zu finden sondern nur um weg zu kommen.
Ihr Leben wieder einmal hinter sich zu lassen.
Er hatte bedauert, dass sie wegging. Sie konnte noch immer sehen wie er am Pier stand, ihre Hand hielt und sie nur langsam losließ. Sie hatte sich umgedreht und war gegangen, ohne zurück zu sehen. Sein Blick eine stechende Präsenz in ihrem Nacken.
Rabbe schlängelte sich ins Hauptquartier und legte ihre Unterlagen ab bevor sie sich umzog. Helle Kampfkleidung in der sie sich gut bewegen konnte. Einige Trainingseinheiten würden ihr sicher helfen ihren Kopf zu klären.


Cim Bürstenkinn wurde von einer gewissen Rastlosigkeit geplagt als er sich ins Hauptquartier begab. Irgendetwas lag in der Luft. Er wusste nicht was es war. Es hatte in letzter Zeit keine Auffälligkeiten innerhalb der regulären Wache oder der Dunkelwacht gegeben. Und doch war da etwas. Es lag ein gewisses Summen in der Luft. Das Flirren im Kopf wie er es meistens vor dem spontanen Zusammenfinden größerer Mobs oder einem neuerlichen Stadtbrand wahrnahm. Er rutschte auf den steinernen Boden und trat sich die Füße ab. Dann begab er sich in den langen Flur welcher Ihnen zum Training diente. Rabbes Kampfschreie hatte er bereits auf dem Weg herein gehört. Ebenso das splitternde Holz.
Auf dem Boden lagen die Überreste von zwei Trainingspuppen. Die dritte wurde soeben von der jüngeren Kollegin verprügelt. Cim sah ihr einen Moment zu. Betrachtete schweigsam wie sie mit rotem Kopf schreiend auf die Puppe einschlug, trat und hieb. Dann ging er leicht kopfschüttelnd in sein Zimmer und zog sich um. Er nahm geräuschlos zwei Schwerter von der Wand.
"Wenn du so in den Schatten kämpfst wird man dir ruckzuck die Gurgel durchschneiden."
Rabbe drehte sich schwer atmend um. Ihr Blick hatte etwas Manisches. Das sonst klare Blau wirkte dunkler als sonst. Ein wildes, aufgekratztes Glitzern stand in ihren Augen. "Ich hab dich nicht um deine Kritik gebeten", zischte sie hasserfüllt. Die zusammen gebundenen Haare klebten an ihrem Kopf.
Cim nickte ausdruckslos und warf ihr ein Schwert zu. Sie fing es geübt auf während er schon auf sie zustürmte, die Klinge herabwirbelnd.
Sie tauschten einige Schläge aus. Rabbe parierte, schlug zu, er parierte, schlug zu. Höher, tiefer, weiter hier, dann da, eine Finte. Rabbe sprang, täuschte einen Schlag von oben vor bevor die Klinge herab schwang um ihm von unten an die Rippen zu gehen. Cim riss den Griff nach oben um die Klinge von unten zu blocken. Er klemmte sich die Finger, sagte aber nichts. Sein Fuß schnellte vor und traf sie in die Seite.
"GNNH!", entfuhr es ihr als die Klinge auf ihren Kopf herunter sauste. Sie rollte zur Seite und landete tiefer auf dem Boden. Dann verlagerte sie ihr Gewicht und sprang aus dem liegen auf die Füße woraufhin ihr Gegner sie in einer rasanten Abfolge erst mit dem Schwertgriff über den Kopf schlug bevor er sie gegen die Wand schubste und sie auf einmal die Klinge am Hals angelegt bekam.
Sie standen einen Moment erstarrt. Schwer atmend, die Klinge an Rabbes' Kehle. Sie ließ ihr Schwert fallen.
"Also", er trat zurück, hob das Schwert auf und verstaute beide bevor er sich geradewegs auf den Boden legte. "Willst du mir jetzt sagen was los ist, oder nur wieder die Einrichtung zerkloppen?"

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Als Rabbe erwachte verkündete ihr dröhnender Kopf, dass sie zu wenig getrunken hatte. Sie torkelte in die Küche und goss sich ein Glas Wasser ein. Dann ein zweites. Das dritte schaffte sie nur halb, doch sie fühlte sich auch so schon unangenehm hydriert. Der Kopfschmerz wurde stärker und sie rieb sich die Nasenwurzel bevor ein herzhaftes Gähnen ihrem Mund entkam. Sie streckte sich ausgiebig und begann sich ein wenig menschlicher zu fühlen. Rabbe hatte in dieser Nacht keine weiteren Nachforschungen angestellt. So sehr es sie auch wurmte nichts getan zu haben - sie hatte vor langer Zeit gelernt, dass sie überhaupt nichts erreichte wenn sie sich selbst zu viel Schlaf entzog oder sich sonst wie zu wenig um die Bedürfnisse ihres Körpers kümmerte. Die Wächterin stellte den Kaffeedämon an und lauschte. Nach ihrem Kampf hatte sie Cim ausgiebig über alles berichtet... den Stand der Ermittlungen, aber auch ihre Beziehung mit Lars. Ihre Sorge um ihre Befangenheit. Die Fragen die sie sich nicht eingestehen wollte, über die sie nicht nachdenken wollte. Cim hatte Verständnis gehabt, sie aber weiter zur Vorsicht ermahnt - in Bezug auf den Fall und auch Lars selbst. Sie hatten sich lange nicht gesehen und über die Jahre änderten sich die Menschen.
Und Rabbe hatte eine Neigung sich manchmal zu tief in Ermittlungen zu verstricken ohne auf die nötige Rückendeckung zu achten. Den dauerhaften Beweis stellten die fehlenden Finger ihrer linken Hand dar.
Sie starrte einen Moment lang nachdenklich auf die abgeheilten Stummel die zurückgeblieben waren. Sie vermisste die Finger manchmal. Gleichzeitig schien ihr der Verlust dieser kleineren Gliedmaßen nur ein geringer Preis. Sie gähnte erneut und fragte sich ob noch jemand im HQ war, verwarf die Frage dann aber. Letztlich spielte es keine Rolle.
Sie ließ den Kaffee in der Küche stehen und zog ihre Trainingskleidung an um noch ein wenig zu trainieren. Der Sportraum im Hauptquartiert wurde von Cim glücklicherweise stets mit mehr als genug Material versorgt, so dass immer noch genug Trainingspuppen da waren mit denen sie arbeiten konnte. Rabbe holte zwei Entermesser aus ihren Halterungen an der Wand und begann einen Schattenkampf. Ihre Gedanken begannen träge zu fließen und langsam rückten ihre Gedanken in kohärente Muster. So unangenehm die Begegnung mit Lars gewesen war - wenigstens hatte sie hilfreiche Informationen erhalten. Nassbremser wollte zum Ball im Opernhaus gehen. Der Ort des Verbrechens.
Aber warum? Das Verbrechen war perfekt. Er hat keine nützlichen Spuren hinterlassen. Die Obduktion hat keine hilfreichen Ergebnisse gebracht. Niemand redet.
Sie trat der Puppe gegen den Kopf.
Im Wesentlichen machte es keinen Unterschied was Nassbremser wollte. Wichtig war das er dort sein würde. Also würde sie es auch sein.


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Zwischenspiel im Taubennest


Die Hinterlassenschaften fedriger Ratten überdecken Teile der Blutspuren. Es gurrt dezent im Schein der Morgensonne.

"Das ist eine verdammt dumme Idee."
"Du sagst immer du willst nicht mehr wissen als nötig."
"Stimmt. Damit ich mich nicht mit so dummen Ideen belasten muss. Warum reicht es nicht ihn als Mörder hinzustellen?"
"Tut es."
"Was soll die Sache mit den Kindern dann?"
Der Mann im Anzug seufzte.
"Wir hätten das auch lieber verhindert. Aber er hatte wohl von vorne herein Interesse an diesem... Seitengeschäft. Hätten wir es früher gewusst hätten wir jemand anderen gewählt."
Edwin rieb sich die Nasenwurzel und nieste.
"Verdammte Tauben. Wie kommen die überhaupt hier rein?"
"Du bist gestern durchs Fenster raus."
"Und du konntest es nicht zu machen?"
Edwin trat einen Federhaufen weg.
"Und nun? Werden wir ihn los? Er zieht unnötig Aufmerksamkeit auf uns."
"Nein. Wir wissen von einer anderen Person die schon länger Personen verschwinden lässt und ebenfalls gelegentlich im Auge der Wache auftaucht. Wir werden versuchen eine Zusammenarbeit vorzutäuschen."
Edwin schnaubt.
"Was auch immer. Sag mir einfach wann die Sache vorbei ist und ich nicht mehr mit Nassbremser arbeiten muss. Und rasier deinen Bart mal. Das sieht ja furchtbar aus."
Der Mann mit der Lilie grinst gehässig.
"Was soll ich sagen? Die Frauen mögen das."

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*14. Februar. Abends.*

Der Eingang des Opernhauses war an diesem Abend in goldenes Licht getaucht. Unter der neuen Leitung hatte man versucht den architektonischen Albtraum ein wenig abzumildern. Um den Haupteingang herum waren Einbuchtungen in der Mauer fabriziert worden, wo im Dunkeln ein lichterner Kranz aus kleinen Kerzen eine fast schon hübsche Passage bildete. Bei Tageslicht half diese Neuerung freilich nichts, doch Wilhelm konnte den Versuch dennoch wertschätzen. Er zeigte dass zumindest jemand gemerkt hatte wie unglaublich geschmacklos die aufgeklebten Schnörkel an dem kastenförmigen Gebäude waren. Wilhelm trat gemessenen Schrittes näher. Letztlich hatte er sich entschieden den Abend ohne feste Begleitung zu verbringen. Es versprach ihm größere Unabhängigkeit und Beweglichkeit. Wer wusste schon, was dieser Abend zu bringen vermochte? Der Vampir trat durch das leuchtende Tor und zeigte dem Wächter seine goldumrandete Eintrittskarte. Der junge Mann machte einen tiefen Diener und bedeutete 'seiner Lordschaft' doch bitte einzutreten. Wilhelm nickte, ging hinein und kicherte innerlich. Bei dem Abend handelte es sich um ein hohes Gesellschaftsereignis, dementsprechend übertrieben hochwertig war seine fabrizierte Einladung. Sein Mundwinkel zuckte ganz leicht als ihm direkt danach die unangenehme Feststellung kam das man ihn selbst, als altehrwürdigen Teil der guten Gesellschaft, wie er sich gern selbst sah, nicht tatsächlich eingeladen hatte. War er es etwa nicht wert zwischen Selachiis und Flanellfüßen zu flanieren? Zwischen Burlichs und Starkigarmen?[7] Er schüttelte den Gedanken schnell wieder ab. Wenn er eine Einladung irgendwohin wollte konnte er sie sich immer beschaffen, ohne dass man ihn vor Ort komisch ansehen würde - das allein sagte eine Menge über seinen gesellschaftlichen Stellenwert aus. Der Schneider ging über kalte Steinböden und rote Samtteppiche, dem Lärm entgegen. Er war bewusst etwas später gekommen. Zu Beginn eines Balls da zu sein zahlte sich nicht aus, wenn man Informationen haben wollte. Die Leute konnten einen von vornherein ins Auge fassen, weil sich zu Beginn alle unangenehm anstarrten bis der Gastgeber endlich Ball und Buffet eröffnete. Später war dies alles nicht mehr so wichtig. Dann ertönte Musik, es gab Essen, schöne oder reiche Frauen...
Nein, für Informationen war er genau zum richtigen Zeitpunkt hier. Beim Hauptsaal angekommen öffnete ihm ein Bediensteter mit einem weiteren Diener elegant die Tür und Wilhelm betrat das klangvolle Informationsmeer.



Rabbe stöckelte unbeholfen durch den Saal. Sie war extrem dankbar für den Fakt, dass die Gleichberechtigungskampagne der Stadt nicht nur für gleiches Recht der verschiedenen Spezies, sondern auch für das von Frauen eintrat. In diesem konkreten Fall hieß dies, dass man als Bedienung im Opernhaus selbst entscheiden konnte ob man die praktischen langen Hosen mit dem hellen Kellner-Jackett oder lieber das verdächtig kurze dunkelblaue Dienstmädchenkleid trug. Sie hatte also ein überaus fesche schneeweiße Bluse mit einem Eierschalen-farbigen Jackett bekommen. Beides passte sehr gut. Dafür hatte sie es aber auch selbst bezahlen müssen.
Die Wächterin schluckte ein entnervtes Grummeln herunter, lächelte freundlich und bot einem Gast mit einem leichten Knicks ein Häppchen von ihrem Tablett an. Sie trug dunkle Schuhe mit so kurzen Absätzen, dass es sich beinahe um flache Schuhe handelte, doch ihre Füße taten dennoch weh.
Ein Glück, dass ich meine Stiefel hinten stehen habe.
Sie blickte durch den Saal und hielt Ausschau nach hungrigen Gästen wobei sie 'rein zufällig' in die Nähe des Maharadschas von Ramscha kam. Sie wusste nichts über seine Machenschaften, aber ihrer Meinung nach war jeder der hier war höchst verdächtig. Sie bot seinem Kulturattachée ein Häppchen an und machte einen Halbbogen um in Hörweite zu bleiben. Nach längeren Lauschversuchen musste sie jedoch einsehen, dass es sinnlos war Leute zu belauschen die Klatschianisch sprachen, wenn man dieser Zunge selbst nicht mächtig war. Sie stöckelte noch ein bisschen weiter und erkannte, unweit der Säulen-Rache[7a] ihr Ziel.
Erick Nassbremser schlürfte einen Drink. Er hatte die langen Haare zu einem fettigen Zopf geflochten und trug einen eleganten (wenn auch geliehenen) Anzug und ließ sich von einer seiner Begleiterinnen gerade die Feinheiten der Fischzucht erläutern. Er nickte an den richtigen Stellen, fragte höflich über Details und kratzte in jeder Hinsicht an der sozialen Harmonie des Raumes. Wie konnte ihn irgendjemand übersehen? Der Mann hasste es nicht nur hier zu sein, er gab sich nicht einmal besondere Mühe es zu verbergen. Er war hier, weil er eine Verpflichtung oder einen Auftrag hatte. Und er sah haargenau so aus wie der Mann welcher Rabbe aus Zemphis beschrieben worden war.
Sie bot einer vorbeirauschenden Dame ein Häppchen an und studierte möglichst unauffällig den Rest seiner Entourage. Austauschbare Frauen, ein begleitender Freund der aussah wie gemietet und sich mit einem anderen Gast unterhielt. Der letzte Mann in der Gruppe stach ebenfalls aus der Menge. Anders als der kratzende Harmoniebrecher von vorher wirkte dieser wie für einen solchen Ort gemacht. Der weiße Anzug saß wie eine zweite Haut. Die Gesten waren unauffällig und elegant, die Miene verriet Intelligenz, versprühte Charme und wirkte leicht... bissig, auch wenn Rabbe in diesem Moment nicht sagen konnte, warum dieser Eindruck entstand. Obwohl weiß eine ungewöhnliche Farbe für diesen Ort war wirkte der Mann erst auffällig, wenn man ihn genauer betrachtete. Sein soziales Muster wies ihn als so passend für diese Gesellschaft aus, so unzweifelhaft am richtigen Ort, dass er für alle anderen absolut... unscheinbar wirken musste.
"Die Bedienungen waren hier früher nicht so. Irgendwie blonder. Dürrer. Eine ganze Ecke naiver denke ich."
Die Stimme erklang direkt hinter Rabbe und sie verfluchte sich für ihre Unachtsamkeit. Sie drehte sich nicht um. Sie sagte sich, dass sie ihn nicht sehen wollte. Dass sie damit jetzt nicht konfrontiert werden konnte. Nicht hier. Nicht jetzt. Und sie wollte ihn ja auch eigentlich überhaupt nicht mehr sehen. Und auch nicht mit ihm reden. Nie wieder.
Lars berührte sie nicht. Er stand einfach hinter ihr. Wartete. Lauschte.
Rabbe stand noch immer wie eingefroren. Ihr Körper wollte ihr nicht gehorchen, doch sie sah sich auch kaum in der Lage ein klares Kommando zu geben. Erinnerungen durchfluteten sie beim Klang dieser Stimme. An das Meer, die Kälte des Windes. An Freiheit, an kühle Gischt und die Wärme im Krähennest...
"Willst du mir nicht mal gestatten dein Gesicht zu sehen? Es ist so lange her..." Er hob die Hand und hielt sie dicht neben ihre Schulter. Er fasste sie nicht an, machte seine Präsenz aber noch deutlicher. Sie glaubte die Wärme seiner Hand neben ihrer Schulter spüren zu können. Ihr Gesicht war zu heiß. Warum war ihr all dies so unangenehm? Warum konnte sie nicht einfach nichts fühlen?
"Was willst du... Lars?" Ihre Stimme kratzte ein wenig. Seinen Namen laut zu sagen, jetzt wo er wirklich hier war... Nach all dieser Zeit erschien ihr ihr Verhalten unglaublich lächerlich, vor allem nachdem Sie ihn ja eigentlich schon gesehen hatte. Nachdem Sie am Vortag gesprochen hatten. Und doch war es schwer. Sie schloss die Augen einen Moment, atmete leise aus. Dann öffnete sie sie wieder und drehte sich um.
Ihr einstiger Partner hatte sich wirklich wenig verändert. Sie bemühte sich, sich nicht direkt wieder in Erinnerungen zu verlieren und konzentrierte sich auf die Gegenwart. Überrascht fiel ihr auf, dass sie ihn noch nie so fein gekleidet gesehen hatte. Er trug einen blauen Anzug aus Quirmianischer Wolle mit einem hellblauen Seidenhemd, ein gefaltetes Taschentuch in der Hemdtasche. Sein Revers wurde von einer silbernen Lilie geziert. Der Herr hatte sich offenbar sogar ausnahmsweise zum Friseur bemüht, denn sein gestern noch so struppiger Bart war kurz und ordentlich, und seine Haare sahen aus als hätten sie einen Kamm und ein vernünftiges Shampoo gesehen. Ihn hier zu treffen erschien ihr so viel realer und direkter als es am Vortag der Fall gewesen war. Er stand so dich vor ihr. Sah sie so direkt an. Als würde der Rest des Opernsaals nicht existieren. Als wären nur sie beide hier und hätten die letzten eineinhalb Dekaden nicht voneinander getrennt verbracht.
Er schien zu zögern bevor er antwortete, seine Augen suchten unsicher ihren Blick. "Ich... Ist es so schwer vorstellbar dass ich gerne wieder deine Nähe suchen möchte? Das ich, nun, wo ich tatsächlich wieder am gleichen Ort wie du bin, schön fände, wenn wir uns freundlich begegnen könnten? Ohne diese... Distanz, zwischen uns? Immerhin warst du diejenige die damals weg ist..."
Rabbe spürte ein Kratzen in ihrem Hals. Sie zitterte innerlich. Und doch...
Lars war zur gleichen Zeit wieder aufgetaucht zu der ein Assassine von weit her die Stadt betreten hatte. Er begegnete ihr hier nun zum zweiten Mal im Laufe ihrer verdeckten Ermittlungen...und das auch noch als sie ihr Ziel gerade entdeckt hatte! Der perfekte Zeitpunkt um sie abzulenken und dem Täter freie Bahn zu ermöglichen...
Konnte dies ein Zufall sein?
Das glühende Gefühl das in ihr hochstieg rief ihr ein lautes, aufgeregtes 'JA!' zu, ein 'JA!' lass einmal locker, 'JA!', hör einmal auf dein Herz.
'Ja. Sei einmal nicht der Rächer. Denk einmal an dich.'
Sie blickte in die braunen, freundlichen Augen und schluckte. "Hier in der Stadt. Lars. Was willst du hier in der Stadt?" Sie hasste sich. Er kräuselte die Brauen in Unverständnis und einer anderen Emotion die sie nicht deuten konnte. Trauer? Angst? Ihr Herz schlug zu laut, machte ihr das Denken schwer.
"Ich bin inzwischen Handlungsagent für ein Spinnerei und Web-Konglomerat in Gennua und bin mit der neuen Textilkollektion da. Ich reise damit durch alle großen Städte der Ebene."
"Handelsagent. Du?"
"In der Tat..." Er lächelte sacht. "Und nun, wo du das weißt... Würdest du mir diesen Tanz schenken?"
Rabbe starrte. Sie hatte nicht gemerkt wie Musik aufgespielt wurde und auch das Aufstellen der Paare war ihr komplett entgangen. Schöner Ermittler bist du.
Sie straffte die Gestalt. "Ein anderes Mal. Ich habe hier einen Dschob zu tun. Diese Häppchen verteilen sich nicht von selbst", sagte sie so würdevoll sie konnte. Lars machte einen Diener. "Ich hoffe du denkst auch an das Andere was ich gesagt habe. Ich würde mich freuen wenn wir uns wieder sehen..."
Rabbe biss die Zähne zusammen, nickte knapp und schritt so stilvoll sie konnte davon, ihr Inneres ein Chaos der Gefühle.


Sie verbrachte die nächste halbe Stunde mit dem Austeilen von Häppchen, Nachfüllen von Sektflöten, und dem krampfhaften Wiederholen des bisherigen Ermittlungsstandes. Dies war nicht die Zeit und nicht der Ort um sich mit der anderen Situation zu beschäftigen.
Gefühle.
Was für ein Schwachsinn.
Sie zog die Brauen zusammen als ihre Gedanken erneut versuchten in diese Richtung zu wandern. "Beobachte die Leute, finde ein Muster in all dem Lärm..."
Der Saal war inzwischen sehr gut gefüllt. Die Leute aßen, tranken und lärmten auf jene unsinnige Art die nur reiche Leute beherrschten, die glaubten etwas von Kultur zu verstehen. Sie zitierten hochtrabende Gedichte, imitierten die Schreie des graubeinigen Jabanaders oder-
Nassbremser war nirgends mehr zu sehen. Es nagte an ihr. Sie hatte ihn vorhin genau im Blick gehabt und dann war dieser-
Sie fühlte ihr Gesicht wieder warm werden als unformulierte Gedanken sie einen Moment einnahmen. Sie kniff die Augen zusammen und versuchte, sich zu konzentrieren. "Jemand hier könnte aktiv in Lebensgefahr sein, reiß dich verdammt nochmal zusammen!"
Das schrille Klirren eines Löffels, der wiederholt gegen ein Glas geschlagen wurde, brachte den Raum langsam zum Schweigen. Das rötliche Licht war gedämmt worden und nun stach ein weißer Lichtkegel auf die Mitte der Bühne. Ein Mann in blauem Anzug verneigte sich, lächelte in die Menge und begann in einem vollen, klaren Tenor zu singen. Es handelte sich um eine seltsame Ballade über einen Haifisch und seine Zähne, soweit Rabbe das mitbekam, doch das Publikum schien es zu mögen. Man entspannte sich. Man genoss die gut-kulturelle Musik und musste nun nicht mehr tun als hätte man mehr Bildung genossen als wirklich der Fall war. Eine angenehme Stimmung.
Und doch...
Rabbe schmeckte Metall im Mund. Ein Surren lag in der Luft. Flirrend. Angespannt-
Der Sänger stimmte ein frisches Lied an, langsam, dramatisch[9].
Rabbe ging umsichtig durch die Menge, den Kopf leicht geduckt, lauschend, beobachtend. Ihr Blick zuckte von links nach rechts, über die Empore, herunter zu den Ablaufgittern[10]. Sie würde sich nichts entgehen lassen. Sie wusste, dass gleich etwas passieren würde, aber welches Unheil auch immer geplant war, sie würde-
Es war vorbei bevor Rabbe auch nur daran denken konnte einzugreifen. Nassbremser war hinter einer Person vorgeschnellt, hatte Professor Oritas[11] von hinten mit links auf die Seite gerissen, mit rechts die Kehle durchgeschnitten. Dass Rabbe es sah war für sich bereits reiner Zufall. Der Mann ließ den Dolch fallen und war auf halbem Weg zur erhöhten Galeria bevor der Körper ganz umgefallen war.
Rabbe rannte. Sie duckte sich zwischen den Leuten durch, den Blick fest auf den schwarzen Haarschopf gerichtet. Ihr Tablett hatte sie sofort fallen lassen. Seetang und Reis breiteten sich auf dem Boden aus, während die umstehenden Zivilisten verspätet realisierten was gerade passiert war. Rabbe hörte Leute kreischen.
"KEINE QUITTUNG! ER HAT KEINE QUITTUNG HINTERLASSEN!", rief Lady Worcester und mehrere Männer ergänzten empört, dass sie mit so einem Mörder nie Geschäfte machen würden. Rabbe hatte die Balustrade indes erklommen, hüpfte an den dort sitzenden Damen vorbei die so stark gepudert waren, dass sie die Wächterin nur empört anstaubten. Sie passierte halb stolpernd- halb sprintend die Tür und sah einen Mann auf das Gangende zuhasten. Rabbe rannte einen Moment weiter und litt zunehmend an ihren Schuhen. Rennen - staksen - Der Mann rannte mit einem quietschendem Geräusch um die Ecke - stolpern - fallen. Rabbe knickte sich den Fuß in den scheußlichen Schuhen um, überschlug sich und rollte über die Ecke hinaus. Bevor sie aufstehen konnte sah sie ihr Ziel fallen.
Erick Nassbremser war Opfer eines weiß umkleideten Beins geworden welches genau im richtigen Moment in seinen Weg gestreckt wurde. Rabbe erblickte eine schmale Gestalt im maßgeschneiderten weißen Anzug, eleganten Schuhen und dem wohl süffisantesten Grinsen das sie je gesehen hatte. Der Mann sah zufrieden zu wie sein Opfer schnurgerade hinfiel und nahm dann grinsend einen Schluck von seinem Getränk.
Rabbe hielt für einen kurzen Moment inne bevor sie sich, schuhlos, wieder aufrichtete. Sie betrachtete den Mann abschätzig, unsicher wie sie nun vorgehen sollte. Es war der arrogante Fatze den sie vorhin schon in der Nähe Nassbremsers gesehen hatte. Was hatte dies zu bedeuten?
"Höchst elegante Rolle. Meinen Respekt", sagte der Mann, schelmisch lächelnd, und hob das Glas prostend bevor er noch einen tiefen Schluck tiefrote Flüssigkeit nahm. Rabbe starrte ihn an. Er erwiderte ihren Blick und schlürfte betont sein Getränk. "Aber er ist auch schön gefallen." Er ging in die Hocke. "Eleganter Bogen gutester, doch, doch."
Rabbe bemühte sich, schnell zu denken. Der Tote im Ballsaal war illegal inhumiert worden. Jemand würde die Wache rufen, hatte sie wahrscheinlich schon gerufen. Aber zu erklären warum sie als Kellnerin hier war wäre unangenehm kompliziert.
Zu kompliziert.
Sie verfluchte sich dafür das Tablett fallen gelassen zu haben. Nun würde gefragt werden welcher Kellner hier fehlte...
"Aber das kann ich jetzt auch nicht mehr ändern."
Rabbe sah den Fremden abschätzig an während Nassbremser auf dem Boden versuchte sich wieder aufzurappeln. Kurz entschlossen nahm sie den Kerzenleuchter vom nächsten Regal und schlug den am Boden liegenden bewusstlos. Dann stellte sie den Leuchter zurück und sah den Fremden forschend an. Er lächelte schelmisch, machte keine Anstalten sich zu bewegen und nippte weiter an dem Getränk. Rabbe kräuselte sie Stirn, dann zog sie ihre Schuhe wieder an. Wenn sie wieder runter ging würde die Wache sie befragen. Nicht gut. Wenn sie ging war sie nur ein Diener der abgehauen war. Und niemand hier kannte ihren echten Namen.
Außer Lars.
Sie ignorierte diesen Gedanken und betrachtete den Bewusstlosen einen kurzen Moment. Würde er lange genug hier liegen bleiben damit die Wache ihn finden würde? Sie seufzte. Es gab keinen Weg sicher zu sein und sie musste jetzt hier weg wenn sie unangenehmen Fragen aus dem Weg gehen wollte. Rabbe ging in die entgegengesetzte Richtung aus der sie gekommen war los, und der weiß-gekleidete Mann folgte ihr. Sie ging etwas schneller und er tat es ihr gleich. Sie hörte ihn grinsen. Sie lief energisch den Gang hinunter, bog um die Ecke, ging eine weitere Treppe nach unten, durch die derzeit menschenleere Küche in den Weinkeller. Hier drehte sie sich um. Er grinste sie fröhlich an. "Wer zur Hölle ist der Kerl. Nicht nur einfach ein schaulustiger Zeuge. Er scheint tatsächlich Spaß an der Sache zu haben." Sie starrte ihn an, doch er weigerte sich den ersten Zug dieser Konversation zu machen.
"Warum folgst du mir?", knurrte sie ihn an.
Er blickte unwissend. "Was? Ich? Ich wollte nur in den Weinkeller, ist das verboten?" Er schmunzelte.
Sie starrte ihn an. Zum ersten Mal seit langer Zeit war sie unsicher. Wirklich unsicher, was dieser Kerl wollte. Einfache Schaulustige waren weder so zielstrebig in ihrer Vorgehensweise noch so beherrscht in ihrer Ausdrucksweise. Rabbe zog die Augenbrauen kraus. "Warum hast du dem Kerl ein Bein gestellt?"
Der Fremde zog verwirrt die Augenbrauen hoch. "Der Herr fiel über eine Teppichfalte. Sehr ungeschickt. Dabei hat er sich den Kopf an der Wand geschlagen und wurde Bewusstlos. Gab eine kleine Platzwunde glaube ich."
Rabbe blinzelte. Bewusstlosigkeit und Platzwunde waren in dieser Form aufgetreten nachdem Sie dem Kerl auf den Kopf geschlagen hatte. Und sie hatte sein Bein gesehen.


"Was. Willst. Du?", fragte die Frau mit einer Bestimmtheit die Wilhelm beeindruckte. Es war eine berechtigte Frage, das musste er einräumen, aber diese Frau faszinierte ihn auf eine Art wie er es nicht kannte. Normalerweise waren Menschen für ihn interessant, wenn sie... schön waren. Wenn sie eine Eleganz, eine Ästhetik hatten. Auch eine glatte Herbheit oder eine kultivierte Strenge konnten auf ihre Art schön sein, hatten ihren Reiz. Sie war interessant, weil sie... durchdringend war. Er hatte den Mord tatsächlich rein zufällig von der Balustrade aus beobachtetet. Als er realisierte, dass der Täter in seine Richtung flüchten wollte war er um die Ecke gegangen, hatte zugehört wie der Herzschlag des Mörders davon sprintete, zur Galerie kam und hochstieg als sie auf einmal hinterher huschte. Er war überrascht gewesen. Dieser Mensch den er vorher nur als Bedienung im Hintergrund wahrgenommen hatte, war dem Mörder hinterher gerannt um ihm dann höchst unelegant vor die Füße zu kullern. Den Mörder selbst hatte er aus reiner Gewohnheit aufgehalten. Er hatte jemanden umgebracht ohne eine Kwittung zu hinterlassen. So etwas schickte sich nicht. Und er war hier entlanggekommen, und er hatte hier gestanden, und warum nicht einfach das Bein ausstrecken...?
Dass sie ihn bewusstlos geschlagen hatte amüsierte den Vampir zutiefst. Es gab Rätsel auf. Sie hatte ihn verfolgt. Das sprach für Wächter im anderkaffer Einsatz. Dann hatte sie ihn brutal bewusstlos geschlagen und war abgehauen. Das sagte, dass sie nicht nur kein Wächter war, sondern auch dass sie nichts mit der Wache zu tun haben wollte. Ein Wächter hätte den Kerl mindestens festgebunden und ihn sicher nicht niedergeschlagen. Außerdem hatte er sie noch nie im Wachhaus gesehen.
"Ich wollte sehen was du als nächstes tust." Er lächelte und trank seinen Wein aus. "Und ich wollte noch ein Glas Wein. Wo du ohnehin Richtung Weinkeller unterwegs warst dachte ich, du könntest mir da vielleicht helfen." Er winkte mit seinem leeren Glas und wich ihr nur mit Mühe aus. Der Schlag war wie aus dem Nichts gekommen. "Tseses." machte er und schüttelte leicht den Kopf. "Habe ich das verdient? Ich will doch nur noch ein Glas Wein..."

Rabbe schnaubte. Der Kerl war ihrem Schlag absolut mühelos ausgewichen. Dabei wirkte er alles andere als durchtrainiert. Das konnte er auch nicht durch seinen maßgeschneiderten Anzug kaschieren.
Sie überlegte zurück warum sie zuvor dachte, dass etwas an ihm bissig wirkte. Ihr Blick fiel auf sein Grinsen und sie zwang sich, die Anspannung sinken zu lassen. Wenn er ein Vampir war hatte sie so oder so keine Chance. Sie hatte keine passende Waffe dabei und würde Cim nicht rechtzeitig her rufen können um eine zu kriegen. Ein Kampf wäre sinnlos, zumal sie noch immer nicht sicher war, was er überhaupt wollte. Sie seufzte und lächelte dann gezwungen, als wäre nichts gewesen. "Wein? Aber natürlich." Sie nahm sein Glas in einer betont eleganten Bewegung (die bei den meisten anderen Menschen überzeugender ausgesehen hätte), stellte es auf ein Fass und öffnete eine der bereitstehenden Flaschen. Sie goss ihm ein halbes Glas ein und reichte es ihm. "Kann ich sonst noch etwas für den Härrn tun?", fragte sie beißend freundlich.
"Ohja, ich habe mich gefragt warum du keine Schuhe anhast." Er lächelte und nippte wieder an dem Wein. Er war ausgezeichnet.
Rabbe blickte angesäuert. "Mir ist ein Absatz abgebrochen. Ich bin nur eben hier runter gekommen um meine Stiefel zu holen damit ich wenigstens etwas an den Füßen habe."

Wilhelm sah interessiert zu wie sie ein paar großer, grober Stiefel aus einer Kiste zog. Es handelte sich um stabile schwarze Stiefel von hoher Qualität welche allerdings sehr abgetragen wirkten. Definitiv keine normale Kellnerin. Er lächelte aufrichtig amüsiert. "Großartig! Und wirst du nun in den Ballsaal zurückkehren? Ich bin sicher, viele andere warten auf deine Dienste." Die Fremde sah ihn kalt an.
"Nein. Wirst du es?"
"Aber natürlich. Jetzt wird es bestimmt erst richtig interessant. Außerdem ist die Wache bestimmt an meiner Sichtweise der Ereignisse interessiert..." er wartete innerlich kichernd ab welche Reaktion dies nach sich zöge, doch sein Gegenüber zog weiterhin ruhig die Schuhe an. Nicht einmal der inzwischen relativ ruhige Herzschlag verriet irgendeine Form der Aufregung. "Wusstest du eigentlich vorher schon von dem Mord?", setzte er nach, begierig diese Frau aus der Reserve zu locken.
Sie hielt einen Moment inne. Zu seiner Überraschung dachte sie offenbar ernsthaft über die Frage nach. Dann kniff sie die Brauen wieder zusammen. "Ich könnte dich das gleiche fragen. Du warst ja wohl genau im rechten Moment zur Stelle um ihn 'fallen zu sehen'", sie machte Anführungszeichen mit ihren Fingern und zurrte die Stiefel fest. Wilhelm bemerkte wie viel Selbstsicherer sie in dem Schuhwerk stand. Ihr Kinn wurde leicht nach oben gestreckt und die Schultern durchgedrückt. Offensichtlich war sie in ihren Stiefeln zu hause. Er lächelte. "Nein. Ich wusste es nicht. War tatsächlich reiner Zufall. Ich wollte versuchen, Informationen vom Barmann zu bekommen, aber er war mit seinem Kollegen in der Besenkammer verschwunden. Den Geräuschen nach hielt ich es für besser, die beiden nicht zu stören." Zu seiner Entzückung wurde sein Gegenüber tatsächlich ein wenig rot.

Rabbe sah einen kurzen Moment betreten zu Boden. Die ganze Situation war extrem merkwürdig. Sie hatte nicht den geringsten Eindruck, dass irgendeine Gefahr von dem Fremden ausging, nicht einmal dass er in die Machenschaften hier groß verwickelt war. Es wirkte mehr als wäre er ein Zuschauer des Weltgeschehens, ein Connoisseur vor einer Bühne, der voller Spannung dem Drama, Klatsch und Tod dieser seltsamen Gesellschaftslandschaft beiwohnte. Sie sah ihn in einer Mischung aus Verwunderung und Misstrauen an, versuchte vergeblich ihn einzuschätzen. "Nein", sagte sie schließlich. "Ich wusste nicht, dass der Mord geschehen würde. Aber ich ging davon aus, dass... etwas geschehen könnte."
"Etwas, hm?" Er sah drein als hätte sie einen tollen Scherz gemacht. "Nun, 'etwas' ist passiert. Und du willst nicht in den Ballsaal zurück. Nun, ich muss es auch nicht, wollen wir essen gehen?" Er tauschte sein Grinsen durch eine fast schon demütig freundliche, ernste Miene und jubilierte innerlich als sie gänzlich überrascht den Mund öffnete.
"Ich... äh. Nein."
Er seufzte theatralisch. "Aber ja, wie dumm von mir. Eine Frau wie du hat natürlich einen Freund und es wäre unangemessen-"
Sie packte ihn am Revers und schüttelte ihn. "Ist das alles ein verdammter Witz für dich? Da draußen wurde gerade einer deiner Mitmenschen ermordet und es interessiert dich keinen Dreck, oder?"
Er lächelte sacht auf eine Art von der er wusste, dass es seine Eckzähne hervorstehen ließ und hob mit einer Hand sachte einen Zeigefinger. "Nun, da du es erwähnst und von Mitmenschen sprichst,-" Der Schlag traf ihn absolut unerwartet. Er hatte nicht gedacht, dass sie ihn wirklich schlagen würde - schon gar nicht mit der Faust ins Gesicht. Sie ließ ihn los und wandte sich zum Gehen. "Du bist das Letzte. Was spielt es für eine Rolle ob du die selbe Spezies hast? Es war einer deiner Mitbürger! Ich sage nicht, dass er ein unschuldiger Kerl oder so war. Aber es ist falsch Unschuldige umzubringen. Egal ob mit oder ohne Lizenz."
Wilhelm rieb sich indes die Nase. Sein Gesicht teilte ihm mit, dass sie sich nun auf der Innenseite befand während die Hand die über den Zinken rieb standhaft das Gegenteil behauptete. "Warum arbeitest du dann nicht mit der Wache? Wenn dir so wichtig ist, dass dieser Kerl geschnappt wird-", er fasste sich und fuhr fort; "Ich habe dich gesehen. Ich habe gesehen was du gemacht, was du nicht gemacht hast. Und ich habe gute Kontakte zur Wache. ich könnte ihnen alles sagen..."
Sie drehte sich noch einmal um. Wo sie vorhin noch wütend und energisch wirkte sah sie nun nur noch müde und enttäuscht aus. Er wartete auf die nächste beißende Bemerkung, einen Angriffsversuch, ein rhetorisches Peitschenknallen doch sie drehte sich um und ging.
Wilhelm fühlte eine merkwürdige Leere dabei ihr zuzusehen. Sie ging um die Ecke und war weg. Vorhin wäre er ihr sofort weiter nach gelaufen aber irgendetwas hielt ihn zurück. So ein Mensch war ihm noch nie begegnet. Ob sie eine Agentin oder so etwas war? Gab es eine Gruppierung für Vigilanten oder so etwas in Ankh-Morpork? Ihr Verhalten wies auf irgendeine Form von kämpferischer und eventuell taktischer Ausbildung hin, aber was sie gesagt hatte verwirrte ihn. Ankh-Morpork war Heim für ein gutes Dutzend unterschiedlicher Spezies. Die wenigsten von ihnen sahen alle Rassen als gleichwertig an. Wenn ein Troll getötet wurde gab es nur wenige Zwerge die einen Aufstand machten.
Wilhelm runzelte die Stirn, trank einen tiefen Schluck Wein und lief gemütlich zurück in Richtung Ballsaal. Es würde bestimmt interessant den Kollegen beim Ermitteln zuzusehen.

Rabbe verließ das Gebäude zügig durch den Hinterausgang. Sie mischte sich einen Moment in die Menge, schlich sich dann in die nächstbeste Seitengasse und kletterte eine Regenrinne hoch. Der Abend schwirrte durch ihren Kopf und es fiel ihr schwer, konzentriert zu bleiben. Sie war nicht einmal sicher ob sie noch hier würde bleiben müssen. Sie hatte Nassbremser bewusstlos geschlagen. Wer auch immer geschickt worden war würde ihn noch finden.
"Aber du hast ihn nicht gefesselt oder angekettet. Du hattest so Angst, dass man dich erwischt und du dich nicht glaubwürdig rausreden kannst dass du zu schnell abgezogen bist. Nassbremser könnte zu früh wieder zu sich gekommen sein. Er könnte in diesem Moment dabei sein zu entkommen. Oder er legt sich eine glaubwürdige Verkleidung an, gibt sich für jemanden anderen aus und mischt sich unter die Gäste." Sie schnaubte frustriert und vergrub den Kopf in den Händen. Viellicht hatte sie ja auch das unwahrscheinliche Glück, dass der dämliche Vampir so anständig war dafür zu sorgen dass die Wache den Kerl erwischte. Was für ein Fatzke! Unterstellte ihr, dass der Mord sie nur kümmerte, weil ein Mensch betroffen war! Ihr! Wächterin aus Überzeugung!
"Eigentlich bist du gar nicht aus Überzeugung heraus Wächter...", merkte der vernünftigere Teil ihrer selbst an und Rabbe grummelte sich selbst an.
"Eigentlich bist du nur in der Wache weil du eine Abwechslung und was Neues gesucht hast und die Wache nicht so schlecht klang...", murmelte es in ihrem Kopf weiter.
Die Wächterin stand frustriert vom Rand des Daches auf wo sie vor sich hin geschmollt hatte. Sie zückte ihr Fernglas und betrachtete den Eingang des Opernhauses. Sillybos hatte dort Aufstellung bezogen - ein Käsebrot kauend, wenn sie das recht erkannte - und hielt hoffentlich Verdächtige davon ab, das Gebäude zu verlassen. Rabbe biss sich auf die Lippe. Sillybos war ein guter Wächter... nein, ein netter Wächter wohl eher, der seinen Dschob ernst nahm, was leider nicht gleichbedeutend damit war, dass er besonders gut darin gewesen wäre. Aber normalerweise ließ er niemanden von einem Tatort weg oder hin der dort (nicht) hingehörte.
Rabbe war umso schockierter als sie Erick Nassbremser bei ihm halt machen sah und der Kollege ihn offenbar einfach gehen ließ.



*wenige Minuten zuvor*

Wilhelm war nachdenklich zurück Richtung Ballsaal geschritten. Er hatte wenig Interesse, mit den Kollegen unmittelbar zu reden - als Rekrut in so einem Rahmen aufzutauchen und dann auch noch rein zufällig den Täter gesehen zu haben wäre... unvorteilhaft. Zumal viele seiner Kunden hier waren. Was sollten sie denken, wenn sie sahen wie die hohen Offiziere ihn am Ende von oben herab behandelten? Es würden seinem Ruf unangenehmen Schaden zufügen auf den er verzichten konnte.
Wilhelm trank sein Weinglas aus, trat um die Ecke zurück zur Oberbar und erstarrte. Der Täter, den die Fremde vorhin so entschlossen niedergeschlagen hatte, war verschwunden. Wilhelm fluchte stumm. Das passte ihm nicht. Er hatte schon zuvor ein Interesse daran gehabt dass der Täter geschnappt würde, aber nach dem Zusammentreffen mit der 'Kellnerin' hatte er ein komisches, schuldartiges Gefühl in der Magengrube entwickelt. Er war nicht ganz sicher wie dies situiert war, jedoch war er sich sicher, dass er wollte dass der Täter geschnappt würde - seine neue Bekanntschaft wäre ansonsten bestimmt noch verärgerter. Zielstrebig lief er zurück zur Balustrade über dem Ballsall wo er sich hinter der Brüstung geduckt hielt und lauschte was unten vorging:
"...müssen wir fürchte ich von jedem einzelnen hier die Personalien aufnehmen. Ich darf Sie bitten sich in geordneten Reihen bei meinen drei Kollegen anzustellen und ihre Angaben zu machen während die unmittelbaren Zeugen zunächst mit mir kommen...", hörte Wilhelm eine brummende Stimme sagen bevor der Raum in lautes Brummen und verärgerte Stimmen ausbrach. Wilhelm grinste leicht. Die Oberklasse hasste es wie 'gemeine Leute' behandelt zu werden und es wurden einige Rufe laut dass man wegen eines Mordes vor ein paar Jahren kaum ein Wort verloren und erst recht nicht die Musik unterbrochen hätte. Wilhelm hörte auch durch den Lärm das dumpfe Knurren welches von dem Ermittler ausging. Wilhelm konnte den Mann nicht sehen, sein Herzschlag kündete jedoch von einer gewissen Aggression - und einem gewissen untoten Charakter.
"Entschuldigen Sie...", schnitt eine nasale-krächzende Stimme den Ermittlungsleiter ab. "Stoiff von Austerntal. Ich bin im Auftrag ihrer Hoheit, Königin Kelirehenna von Sto Lat hier und genieße gemäß dieser Papiere diplomatische Immunität. Daher würde ich gerne gehen. Ich habe mich auf einen gemütlichen Abend gefreut. Dieser grässliche Vorfall hat mir den Appetit verdorben."
Wilhelm biss die Zähne zusammen. Das durfte nicht sein! Der Kerl hatte den Mann eiskalt ermordet und kam jetzt mit so einem Blödsinn davon? Für einen Moment war er versucht sich einzumischen, trotz seiner Vorsätze, dies nicht zu tun. Er würde da raus gehen und seine Zeugenaussage aufgeben und dann würden sie,-
Wilhelm hörte unwirsches Gemurmel zwischen den Kollegen bevor der Ermittlungsleiter seine Zustimmung gab. "Wie Sie wünschen. Bitte kommen Sie jedoch morgen für ihre Zeugenaussage auf die Wache", sagte er steif. Wilhelm konnte hören, dass es dem Herrn Oberfeldwebel auch nicht passte. "Der Kerl ist ja auch der Täter!", ärgerte er sich, aber es gab nichts was er tun konnte - zumindest nicht legal. Wer diplomatische Immunität genoss konnte nun mal machen was er wollte. Wilhelm ärgerte sich stumm und beschloss eine andere Strategie zu verfolgen. Der Rekrut schlich so schnell er konnte die Balustrade entlang um zum hinteren Außengang zu gelangen. Er bog ein, öffnete ein Fenster und spähte hinaus. Es war eine kalte, dunkle Nacht. Kein Mond am Himmel. Perfekt.

Rabbe beobachtete Nassbremsers Bewegungen ungeduldig. Dafür, dass der Mann ein eiskalter Killer war, schien er es nicht mehr besonders eilig zu haben. Er hatte sogar einen Schirm, der Mistkerl! Rabbe schlich über die Dächer, stets bemüht außer Sicht zu bleiben und ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren - ein Aspekt der leichter gewesen wäre, wenn sie nicht in einem so zentralen Teil der Stadt gewesen wäre. Viele Gebäude hieß viel Raum für Kletteraktionen. Es hieß aber auch viele Kletterer. Sie hatte inzwischen den Weg über zwei kleinere Gildengebäude und einen Eierladen genommen, wobei ihr zwei Leute direkt entgegengekommen waren, ein Assassinenschüler der das Verstecken zwischen den Schornsteinen übte, und ein Mann der ihr für eine kleine Spende eine Broschüre für ein besseres Leben im Dienste Baal-Ohns geben wollte. "Woher kommen nur immer diese Irren?! Und das um die Uhrzeit!", dachte Rabbe frustriert während sie sich zügig um die Störenfriede herum schlängelte, stets bemüht ihr Ziel nicht aus den Augen zu verlieren. Zu ihrem Glück hatte Nassbremser etwas äußerst distinguiertes an sich - der Kerl stolzierte durch die Stadt als würde sie ihm gehören. Natürlich hatte Ankh-Morpork keinen Mangel an arroganten Herrschaften die glaubten, den Boden unter ihren Füßen durch reine Berührung mit seiner oder ihrer Lordschaft im Wert zu verdoppeln - aber die wenigsten waren mitten in der Nacht ohne Begleitung unterwegs.
Sie folgte ihm bis zur Essigbrücke und wartete. Rabbe hasste es, wenn ein Verdächtiger den Ankh überquerte. Natürlich gab es Mittel und Wege trotzdem hinüber zu kommen, auch ohne den Boden zu berühren, aber im Zentrum von Ankh-Morpork ein Seil zu spannen um von Dach zu Dach auf die andere Seite zu gelangen war zu keiner Uhrzeit unauffällig. Das Risiko, dass ihr Ziel sie sah war dabei geringer als das, welches die Touristen darstellten. Nein, gerade so dicht am Wachhaus wollte sie dabei keinesfalls gesehen werden. Rabbe huschte lieber auf die andere Seite und ließ sich drehwärts vom Essigtor an der Wand herunter gleiten. Die Kapuze verdeckte ihr Gesicht und der Mantel fiel glatt um ihren Körper. Sie tauchte entgegengesetzt in die Menge und war schnell einer von vielen namenlosen Kultisten. Solange sie nicht zu schnell ging sollte sie dem Herrn mit dem fettigen Pferdeschwanz zumindest ein Stück weit gefahrlos folgen können.
Wenn nur nicht dieses komisch stechende Gefühl in ihren Nacken wäre. Als ob ihr jemand folgen würde...


Warum musste es gerade jetzt anfangen zu stürmen? Normalerweise hatte Wilhelm Spaß am Fliegen - die Lichter der großen Wahoonie waren ein Anblick für sich, all dieses Leben, diese Farben... Normalerweise fand er auch etwas Regen nicht allzu beschwerlich - natürlich gab es angenehmeres als durch die glitschige Nässe zu fliegen, auch der Schwere des Wassers wegen, aber meistens war es okay.
Aber nun auch noch Sturmböen! Irgendwann war es genug, und so sympathisch ihm die Fremde auch gewesen war, so gerne er an der Sache dran bleiben wollte... langsam hatte er Zweifel ob es allzu sinnvoll war.
Oder ob überhaupt Notwendigkeit bestand. Nachdem er Nassbremser eine Weile gefolgt war hatte er eine Vertraute, eingekuttete Gestalt ein Dach herab rutschen und in die Menge tauchen sehen. Seitdem war sie dem Mann selbst am Boden gefolgt. Sie waren am Ankh entlang gegangen. Er hatte sich eine Pizza geholt und war wie in Gedanken weiter geschlendert. Zur schlechten Brücke, vorbei an der grässlichen Gruppe und in die Schatten. Soweit er es von oben sehen konnte nutzte sie diese Gelegenheit um wieder auf ein Dach zu klettern. Ja... da war sie. Wenig elegant aber doch extrem zügig und effizient hatte sie sich an den Steinen entlang hochgehangelt in einer Art die deutlich machte, dass sie an eben jenem Haus schon einmal hochgeklettert war. Der blaue Mann hatte indes am Übergang zu den Schatten innegehalten und biss erneut in seine Pizza. Es war als ob er auf irgendetwas warten würde. All dies war höchst ungewöhnlich für einen Auftragsmörder. Zumindest ging er davon aus. Kreisend kam ihm in den Sinn, dass die Kollegen vom Morddezernat bestimmt genauer gewusst hätten was letztlich wirklich typisch oder untypisch für solche Mördertypen war. Nicht dass Wilhelm keine Einsichten in die Assassinengilde gehabt hätte, aber es schickte sich einfach nicht, gewisse Fragen zu stellen.
Er hatte genug. Zumindest die Gestalt wollte er wechseln. Auf dem Dach wäre er zwar immer noch dem Regen ausgesetzt, aber in anderer Form wäre er zumindest vorübergehend wieder trocken - außerdem wollte er ihr Gesicht sehen wenn sie merkte, dass er ihr gefolgt war.
Wie eine Feder ließ er sich herabgleiten. Er wollte direkt hinter der Frau landen. Sein Landeanflug bescherte ihm den perfekten Blick auf den Mann in schwarz, der plötzlich hinter ihr stand und sie packte. Wilhelm besann sich eben noch die Landung abzubrechen und flog im weiten Bogen zum hinteren Teil des Daches. Hier, hinter der Absenkung des Daches, wechselte er ungesehen die Gestalt. Er war ein wenig verärgert, dass er keinen so dramatischen Auftritt haben würde wie wenn er sich direkt hinter der Fremden materialisiert hätte, aber sich ohne vorige Beobachtung einzumischen erschien ihm wie genau die Sorte potentiellem faux pas über den er sich noch Jahre ärgern würde. Er schlich das Dach wieder hoch um einen Blick zu erhaschen. Natürlich könnte sein, dass sich bereits ein heftiger Kampf entwickelt hatte, aber wenn dem nicht so war sondern,-
sein Ziel kam in Sichtweite und er war froh auf seinen Impuls gehört zu haben. Er sah den Rest von etwas, was nach einem geradezu übertrieben leidenschaftlichen Kuss aussah. Wie im Bilderbuch hatte der Mann die unbekannte, vorher so raue Frau zurückgebogen, sein Gesicht offenbar in dem Versuch sich ihres einzuverleiben. Ebenso klischeehaft ihr kurzes darauf eingehen, bevor sie ihn wegstieß und ihm einen saftigen Kinnhaken verpasste. Wilhelm hielt sich den Mund zu um das plötzliche Kichern zu ersticken. Gut, eine Ohrfeige wäre noch klischeehafter gewesen, doch der Vampir wusste gutes Theater zu schätzen. Er widerstand mit Mühe dem Drang es sich gemütlich zu machen als seine Finger nach dem vorsorglich eingesteckten Opernglas fingerten. Die Reflektion könnte ihn verraten. Keine gute Idee. Ohnehin brauchte er es nicht wirklich, aber... von dem was er von dem Gespräch hören konnte würden die beiden jeder Seifenoper Konkurrenz machen. "...und all das während da unten ein Mörder rumläuft." schoss es ihm durch den Kopf. Überrascht nahm er die leichte Welle der Ärgernis war, die in ihm hochbrodelte. Er hatte über die zwei Jahrhunderte in dieser Stadt, über den langjährigen Umgang mit Ankh-Morporks Krustengesellschaft viele wenig schöne Dinge gesehen. Er war abgehärtet. Was kümmerte ihn dieser Mord? Er schnaubte. Kaum eine Woche in der Wache und schon fingen diese Gutmenschen an auf ihn abzufärben.
Der Vampir seufzte leise. Er überlegte gerade ob er die beiden unterbrechen sollte, oder den Kerl alleine weiterverfolgte, oder ob er nicht einfach heimgehen und sich aufhängen sollte, als sich die Situation von selbst auflöste. Körperhaltungen und Herzschläge sprachen von Bedauern, Ablehnung und Wut. Der Fremde küsste ihre Hand. Sie ließ es zu. Er ging zum Dachrand und sprang elegant vom Rand.
Wilhelm blinzelte. Direkt zu ihr zu gehen und sie auf den Mörder anzusprechen erschien ihm wie eine ausnehmend dumme Idee. Wie also weiter verfahren?
Er fluchte innerlich. An der Sache mit dem Mord gab es nichts zu rütteln. Doch aufs Fliegen hatte er nun keine Lust mehr. Der Vampir schwang sich etwas ungelenk über die Dachkante und kraxelte vorsichtig von Überhang zu Fenstersims zu Dachrinne zu Regenleitung. Der Gedanke daran wie seine zuvor so tadellose Abendgarderobe inzwischen wohl aussah jagte ihm zwischendurch einen kurzen Schauer über den Rücken - aber nun war es auch nicht mehr zu ändern. Er trat auf halb-festem Boden auf und verlor sich eine Sekunde im Zustand seiner Schuhe, bevor er sich besann. Er schlich um das Haus herum, bemüht den Verdächtigen in den Blick zu bekommen. Während er sich mühte beim Beobachten in den Schatten zu bleiben wurde ihm relativ unmittelbar deutlich bewusster, wie sehr er gerade in den Schatten war! In feiner Abendgaderobe! Mitten in der Nacht!
"Guten Abend... Kann ich den Herren für ein Sortiment Achatische Teeschalen begeistern? Gibt es bei einem Überfall ab 25 Dollars gratis dazu. Bei 100 erhalten Sie auch eine Teekanne und Tee."
"Dieses Teeset verfolgt mich!". Er zog seine Kwittung für die Jahresgebühr aus der Tasche und hob sie dem Herrn hin, froh, dass er es nur mit einem lizensierten Dieb zu tun hatte. "Ah, ein Kenner. Dann darf ich dem Herrn einen guten Abend wünschen", er drehte sich augenblicklich um. Zeitgleich wurde ein Messer drohend in Wilhelms Rücken gedrückt. "Ich bin kein Gildenmitglied... und ich habe auch kein Teeservice", raspelte der Neuankömmling. Wilhelms Mund verzog sich zu einem entnervten, Zähne zeigenden Grinsen. Wie konnte er den überhören? Nun da der Kerl seine Aufmerksamkeit hatte war der aufgeregte Herzschlag nicht zu überhören - ganz zu schweigen von dem Geruch welchen der Dieb verströmte. Wilhelm drehte sich rasch um und spürte nur ein leichtes Ratschen in seinem Rücken. "DAS IST EIN VERDAMMT TEURER ANZUG, DU CRETIN!" er packte den Dieb ohne Nachzudenken und schüttelte ihn mit vampirischer Kraft. Der Dieb schien mit der Situation überfordert und wurde ohnmächtig. Wilhelm ließ ihn fallen.
"Feinste Quirmianische Wolle...", murmelte Wilhelm verärgert und stapfte wieder los. "Teurer Import. Nrgh."


Rabbe seufzte tief und verbarg das Gesicht in den Händen. Sie wusste nicht was sie fühlen sollte. Ärger? Trauer? Liebe? Sie wusste, dass sie sich in erster Linie dumm fühlte - und dass sie weder Zeit noch Lust hatte, dem jetzt nachzugeben. Sie machte ein frustriertes Geräusch, atmete durch und lief los. Wie viel Zeit hatte sie verloren? Konnte sie die Spur des Täters wieder aufnehmen? War es Zufall, dass Lars gerade jetzt aufgetaucht ist? Wenn ich nahe am Versteck des Mörders sein sollte und Lars etwas über diese Sache weiß..." Sie unterbrach den Gedanken, schwang sich über das Dach und war im Nu nach unten geklettert. Für besonders verdecktes Verhalten war inzwischen weder Zeit noch Notwendigkeit. Dies waren die Schatten. Hier war jeder irgendwo, irgendwie verdächtig. Rabbe schlängelte sich über die Brücke in die nächste Reihe dunkler Gassen. Sie waren nahe des Schlachthausviertels. Sie wusste aus langjähriger Erfahrung, dass es hier reichlich Verstecke in den Verstecken gab. Den Täter ohne Anhaltspunkt zu suchen wäre Zeitverschwendung. Leute zu befragen war ebenfalls keine Option. Sie dachte fieberhaft nach, suchte die Umgebung nach Hinweisen ab. Ihr Blick schweifte kurz Richtung Himmel und sie zog überrascht die Brauen zusammen. Pfeilschnell flog eine kleine Kreatur über sie hinweg. War das eine Fledermaus? Nicht unbedingt ungewöhnlich für Ankh-Morpork, doch der alte Adel trieb sich seltener in den Schatten rum. Und dann um diese Zeit, während sie einen Verbrecher verfolgte und vorher mit einem seltsamen Vampir zusammen getroffen war der eigenes Interesse an dem Fall zu haben schien?
Etwas viel Zufälle auf einmal.
Rabbe entschied dass sie hier nichts zu verlieren hatte. Sie hechtete dem Tier hinterher, schlängelte sich durch eine Gruppe Geistlicher, vorbei an den Anbetern blutiger Fischinnereien und den Verkäufern kleiner Kautschukenten[12]. Am Rande des Schlachthausviertels angekommen sah sie das Flattervieh auf einem Dach landen. Es sah einen Moment direkt zu ihr herunter mit einem fast schon wissenden Ausdruck, bevor es über der Dachkante verschwand. "Da soll mich doch..." Rabbe schüttelte kurz entnervt den Kopf, sah sich um und griff beherzt nach einem Mauergimpel um das Gebäude zu erklimmen. Es war kein gutes Gebäude. Wo sie normalerweise meist an Regenrinnen oder Fensterläden entlangkam musste sie hier mit schlechtem Mauerputz und herausstehenden Metallteilen vorliebnehmen. Zumindest auf diese Ungereimtheiten war in dieser Gegend noch Verlass. Sie hievte sich über die Mauer, bereit im Notfall zu kämpfen - und sah sich einem Vampir gegenüber. Wilhelm Schneider saß auf einem kleinen Schornstein, die Beine überschlagen, den Rücken gerade, ein selbstgefälliges Lächeln im Gesicht. Rabbe erkannte trotz des schlechten Lichtes das sein Anzug ein ganzes Stück mitgenommener aussah als zuvor. Über die Hintergründe konnte sie nur spekulieren. Eindeutig war, dass der Vampir nicht zum Vergnügen hier war.
Oder zumindest, nicht nur.
"Was tust du hier?", fragte sie. Die Anspannung, die Schroffheit von vorher war aus ihrer Stimme verschwunden. Sie war müde und emotional ausgelaugt. Den Mörder zu finden war als Möglichkeit soweit geschrumpft, dass eine stumpfe Frustration begonnen hatte ihren Kampfeswillen aufzuzehren.
Seine Mundwinkel zuckten noch ein Stück hoch. Mit einem spielerischen Grinsen nickte er zur Schlammrutscher herüber. Die Bucht zwischen den Kais und den Anlegestellen war normalerweise leer da Geschäfte die Tendenz hatten, ihren Unrat hier zu entsorgen - heute Nacht befand sich ein Frachtkahn in der Bucht. "Er ist da drin. Deshalb bist du doch hier, oder? Um den Täter zu finden."
Rabbe blinzelte, unklar was das hier sollte. Sie trat näher an den Rand des Daches heran. Sie befanden sich auf dem Lagerhaus am Wantenhaus mit direktem Blick auf den Kahn. Aus dem Unterdeck drangen Lichter heraus, aber ohne näher heran zu gehen würde sie nicht sicher sagen können wer an Bord war. Aber die Chance dass er da drin war war ebenso hoch wie irgendwo anders. Der Hafen war ein gutes Versteck. Er könnte jederzeit abhauen. Rabbe sah zu Wilhelm zurück. "Warum...?"
Wilhelm blickte gönnerhaft. "Es schien dich so sehr zu betrüben ihn nicht zu finden."
Rabbe blickte skeptisch. Sie konnte den Mann ihr gegenüber nicht einschätzen. aber vielleicht hatte dies auch Zeit. Sie betrachtete das Schiff genauer. Es handelte sich um ein typisches kleines Frachtschiff wie man es täglich in Ankh-Morpork sah; zwei kleine Masten mit dreckigen Segeln. Ein mittelgroßer Aufbau ums Steuerhaus mit einer Treppe welche ins Unterdeck führte - hier waren gemeinhin Lagerräume und unzureichende Schlafgelegenheiten für die Besatzung.
Rabbe warf dem Vampir einen berechenden Blick zu. Auf wessen Seite stand er? Wenn er ihr Feind war könnte er ihr jeden Moment in den Rücken fallen, wenn sie ihm gestattete sie zu begleiten. "Aber wenn ich ihn hier lasse ist das Gleiche der Fall. Wenn ich ihn mitnehme habe ich eine Chance, dass er mir vielleicht hilft. Schaden kann er mir so oder so." Sie dachte an die Phiole Weihwasser die an ihr Bein gebunden war, und fragte sich, ob sie damit etwas gegen ihn ausrichten könnte, wenn es hart auf hart kam. Ihrer Erfahrung nach waren die einzigen Mittel die mit Sicherheit gegen Vampire halfen ein Hammer mit Holzpfahl oder ein Fellstreichler mit viel Glück.
Aber sie glaubte nicht, dass er ihr Feind war. Er wirkte nicht wie ein nefariöser Charakter. Eher wie ein Tunichtgut der sich vergnügen wollte. Der sich durch Welt schlängelte auf der Suche nach Spaß und guten Getränken. Der letzte Gedanke erinnerte sie unangenehm daran, dass sie selbst sich wohl als gutes Getränk qualifizieren würde... aber dennoch wäre Rückendeckung hilfreich. Sie würde es wagen müssen. Sie atmete kurz durch und nickte sich selbst zu. "Also gut... Folg mir unauffällig oder bleib zurück." Sie machte sich daran das Dach wieder herunter zu klettern.

"Ach, ist das der Dank dafür das ich dich hierhergebracht habe? Das ich nun Befehle annehmen muss?", Wilhelm grinste schelmisch. Als Rabbe die Augen verdrehte jubilierte er innerlich. Sein Charme hatte auf sie beinahe ebenso wenig Wirkung wie seine vampirische Aura. Welch ein interessanter Mensch. Er verwandelte sich flugs in eine Fledermaus zurück und ließ sich neben ihr herunter gleiten. Bevor Rabbes Füße den Boden berührten lehnte er schon wieder entspannt an der Wand. Sie drehte sich kurz zu ihm um und schlich dann weiter. Er war beeindruckt wie gut sie ihre Überraschung verborgen hatte. Aber erst die Konfrontation würde ihm wahren Aufschluss darüber geben, wie sie wirklich tickte. Sie lief zum Schiff, blickte sich kurz um und sprang behände vom Dock auf die Reling. Sobald sie das Schiff berührte schienen all ihre Bewegungen bestimmter zu werden. Mit Interesse sah er zu wie sie ohne Schwierigkeiten die Reling entlang lief um bis zum Erreichen des Unterdecks soweit außer Sicht zu bleiben wie möglich. Er selbst schlich auf der Innenseite der Reling hinter ihr her. Bei dem Gedanken sonst vielleicht abzurutschen und in den Ankh zu stürzen, hatte sein natürliches Bedürfnis nach Selbstinszenierung versagt. "Immerhin hat das Boot an einer der Haupt-Müllabladestellen der Stadt geankert. Brrr."

Sie erreichten die Treppe nach unten. Aus dem Unterdeck waren vereinzelte Stimmen zu hören, gemischt mit dem typischen durcheinander vieler Männer auf kleinem Raum. Gemächliches Schnarchen hier und da, das herumschieben- und herauskramen kleinerer Gegenstände, klirrende Flaschen. Das Klappern von Essgeschirr. Rabbe zögerte. Sie hatte absolut keinerlei verlässlichen Informationen, dass ihr Ziel wirklich hier war. Wenn der Fremde sie einfach nur übers Ohr hauen oder auflaufen lassen wollte musste er nichts anderes tun als laut zu rufen. Sobald er Aufmerksamkeit auf sie gezogen hätte gab es nur noch drei Möglichkeiten - ein Kampf den sie nicht gewinnen konnte, das Einschalten der Wache oder eine unangenehme Begegnung mit dem Ankh. Rabbe hörte für einen Moment die tadelnden Worte ihres Abteilungsleiters über Disziplin und was Abteilungsmitglieder zu leisten hatten und schauderte. Die Wahl des Ankhs war wahrscheinlicher. Aber jetzt noch umkehren... nein. Wenn die Information verlässlich war könnte sie den Täter vielleicht immer noch kriegen. Langsam schlich sie weiter in Richtung des Lichtscheins und dem Bereich des Schiffes welcher traditionell die Kapitänskajüte beinhaltete, Wilhelm stets knappe zwei Meter hinter ihr.
Das Quartier war unbeleuchtet und leise. So sehr Rabbe auch an der Tür lauschte, es war nichts Auffälliges zu hören. Sie fluchte leise und schlich weiter.
Zwischen der Reling und der Kapitänskajüte führte eine schmale Treppe weiter nach unten. Rabbe machte ein leises, überraschtes Geräusch. Dies entsprach nicht dem klassischen Schiffsdesign. Sie schob sich um die Ecke, Wilhelm hinter sich herwinkend. Sie stiegen leise die Treppe hinab. Sie schien tief in den Schiffsbauch hinab zu führen. Was war dies? Hatte das Schiff ein Überkiellager? Sie schlichen immer tiefer, hoffend dass man das Knarren der Stufen weiter unten nicht hören konnte. Licht fiel auf den letzten Treppenabsatz. Rabbe hielt eine Hand hoch damit Wilhelm inne hielt und dachte nach. Es war unmöglich zu wissen ob am Fuße der Treppe Wachen standen oder nicht-
"Vier Personen hier unten. Aber alle ein paar mehr Meter weg."
Rabbe wirbelte herum und blickte verdattert in Wilhelms breit grinsendes Gesicht. "Wie?!" Sie bemühte sich, leise zu sein, aber mit diesem... diesem Vampir zusammen zu arbeiten war einfach gänzlich ungewohnt.
"Na, Herzschläge natürlich."
Sie könnte sich ohrfeigen. Da hatte sie schon einen Vampir, eine Kreatur wie gemacht für solche Aktionen bei sich, und nutzte seine Fähigkeiten nicht für ihre Zwecke? Sie nickte ihm anerkennend zu.
"Aber auch das könnte Teil einer gut durchdachten Falle sein..."
Ungeachtet dieses Gedankens schlich sie um die Ecke. Der warme Schein rot-gelber Laternen fiel auf den letzten Treppenlauf. Sie begann hinunter zu schleichen als Wilhelm sie mit einem Finger auf der Schulter zurückhielt. Er blickte auf einmal wesentlich ernster. Er hielt zwei Finger hoch. "Kinder", flüsterte er, kaum hörbar. Rabbe biss die Zähne zusammen und nickte. Das verkomplizierte die Lage.
Sie schlichen sich den Rest der Treppe hinunter. Das rascheln ihrer Robe kam Rabbe in der Dunkelheit unnatürlich laut vor und sobald sie am Fuße der Treppe waren kroch sie hinter eine Kiste. Wilhelm kam hinter ihr herunter und schaffte es irgendwie wesentlich leiser als sie zu sein. Verdammte Vampire, dachte Rabbe entnervt, bedeute ihm mit einer Geste jedoch ihr weiterhin zu folgen. Sie befanden sich nun in einem offenen, spärlich beleuchteten Lagerraum. Die Wände waren von Laternen gesäumt von denen jedoch nur unregelmäßig viele gezündet waren. Es war gerade hell genug um nicht über kleinere Kisten zu stolpern. Die beiden krochen langsam, so niedrig, so leise wie möglich durch den Raum, stets darum bemüht völlig hinter den Kisten verborgen zu bleiben. Nach und nach hörte man das Gemurmel einer Unterhaltung. Je näher sie dem Gespräch kamen desto heller wurde es. Rabbe linste zwischen zwei Kisten hindurch und sah eine Art Raum im Raum; Eine offene Tür führte in einen Büroartigen Bereich aus dem mehr Licht drang.

Wilhelm hatte es ebenfalls gesehen. Bis zu dem Moment indem er die Kinder wahrgenommen hatte war diese ganze Sache wieder zunehmend unterhaltsamer gewesen. Er hatte keine Sorge gehabt, dass diese Aktion negative Konsequenzen für ihn nach sich ziehen könnte - zumindest nicht mehr, als sein Anzug bereits erduldet hatte - und es lagen ansonsten durchaus ein paar interessante Tage hinter ihm. Aber der Gedanke an die Kinder beunruhigte ihn, trübte seine Laune. So tolerant er sonst war was die Grauzonen des Gesetzes anging - Kinder für illegale Machenschaften zu gebrauchen ging ihm auf keine Hutschnur.
Er verzog leicht das Gesicht und konzentrierte sich wieder auf das Positive.
Ein Abenteuer.
Abgesehen von der Involvierung der Kinder und dem Zustand seines Anzuges war der heutige Abend an sich weitaus unterhaltsamer gewesen als seine ganze bisherige Arbeit in der Wache. Vielleicht sollte er seine neue Bekanntschaft öfter auf nächtliche Streifzüge begleiten, sofern sie derartiges öfter machte? Ein verschmitztes Lächeln zierte sein bleiches Gesicht, trotz der Umstände.
Er mochte sie.
Wie unerwartet... nett.

Nachdem sie sich so nahe an die Verdächtigen herangeschlichen hatten, waren ihre murmelnden Stimmen endlich deutlicher geworden. "Ich habe im Moment nunmal nur die beiden. Ich weiß, es waren mehr ausgemacht, aber weißt du eigentlich wie problematisch es ist, hier in der Gegend gut genährte Kinder zu entführen? Welche aus den Schatten zu nehmen wäre ein weit kleineres Problem, obwohl das auch zunehmend gefährlicher geworden ist. Aber wohlgenährt und damit besser arbeitssam heißt Kinder von außerhalb der Schatten, und die Wache achtet da ein ganzes Stück mehr auf das Gesetz als hier. In den Schatten haben wir wenigstens nur mit diesen selbsternannten Rächern zu kämpfen..."
Wilhelms Lächeln fror ein. Kalte Wut kroch in ihm hoch und mit einem Mal fühlte er sich absolut bestätigt darin hier zu sein. Es war nicht einfach Spaß. Es war wichtig. Diese Kerle hatten nicht einfach Kinder als Arbeiter hier um mit ihren schlanken Händen bei Sachen auszuhelfen.
Sie waren Kinderhändler. Sie verdienten keine Gnade. Er bewegte sich hastig weiter vor ohne nachzudenken, doch die unbekannte Kellnerin hielt ihn zurück. In der Dunkelheit sahen ihn blaue Augen bestimmt an. Hätte ihr Herzschlag sie nicht verraten so hätte es spätestens der Ausdruck ihrer Augen gesagt. Sie würde diese Typen nicht davonkommen lassen. Kalter Hass erfüllte auch sie und Wilhelm nickte. Sein natürlicher Instinkt drängte ihn, sich vorzustürzen, auf die beiden loszugehen, ihnen die Kehlen aufzureißen[13] - doch etwas an dieser Frau überzeugte ihn. Stattdessen blieb er also in kauernder Position, achtete auf ihre stummen Anweisungen und begab sich leise in Position.
"Also. 50 Dollar pro Nase. Wenn sie sich gut machen und ihr zufrieden seid, zahlt ihr für die nächste Lieferung 100AM$ pro Kind, dafür dann immer im Viererpack. Monatlich."
Wilhelm biss die Zähne zusammen. Sie waren inzwischen beide zu je einer Seite der Tür platziert. Die Frau hob drei Finger. Sie zählte herunter.
Drei...
Zwei...
Eins...
Die Schwarzhaarige sprang durch die Tür und stürzte sich ohne zu zögern auf den Täter. Hätte der Mann nicht unerwartet geistesgegenwärtig reagiert hätte sie ihn womöglich erwischt.
Erick Nassbremser schwang herum. Der drahtige Mörder sprang auf die Seite und griff mit einem langen Arm nach dem Hals seines kleineren Komplizen der gerade von Wilhelm den Arm gebrochen bekommen hatte. Mit einer Hand hielt er seinen Kopf hoch, mit der anderen hatte er ein Messer gezogen und hielt es ihm an den Hals. "Keine Bewegung!", kreischte er. "Wenn mir einer von euch näher kommt ist der Typ tot!" Rabbe erstarrte einen Moment und stutzte. Sie sah zu Wilhelm. Ein leichtes Lächeln umspielte sein Gesicht. Als er hier herein gekommen war hatte er den Willen besessen den beiden die Haut abzuziehen. Aber das Einer den Anderen vielleicht umbrächte wäre besser. Eine gewisse poetische Gerechtigkeit. Der Vampir zeigte die Zähne, verschränkte die Arme und nickte Rabbe zu. Sie grinste den Typen ihrerseits an. "Bitte. Tu dir keinen Zwang an." Ihr Blick rutschte ganz kurz zu den beiden Kindern in der Ecke des Raums herüber bevor sie sich besann und eine amüsiert-gleichgültige Miene beibehielt. Die Situation war äußerst brenzlig, wenn die Ironie auch unumstritten war. Wenn die beiden sich gegenseitig umbrächten wäre dies nicht ideal, aber für Rabbe keinerlei moralisches Problem. Die derzeitige Entwicklung hieß jedoch nicht, dass die Kinder außer Gefahr waren.
Nassbremser sah leicht verwirrt von dem grinsenden Vampir zur dunkel gekleideten Kämpferin. Er schien zu einem Ergebnis zu kommen. Der Mann in seinen Armen zuckte kurz, doch Nassbremser hatte sich entschieden. Mit einer raschen Bewegung packte er den Kerl, ratschte ihm das Messer über den Hals und warf ihn im Ganzen nach dem Vampir. In einer flüssigen Bewegung hatte er sich bereits zu den Kindern gedreht, eines von ihnen ergriffen, und gegen eine Wand getreten. Ein mannsbreiter Durchgang fiel durch die Wand und mit einem Mal sprang der Mann nach draußen.
"Was zum?!", entfuhr es Wilhelm als er den Körper auffing. Alles war zu schnell gegangen. Nassbremser hatte sich gedreht, der Kerl geworfen. Wilhelm hatte ohne nachzudenken den Arm erhoben und ihn abgefangen. Die vampirische Hand blockte den Mann am Hals wo ein sprudelnd blutender Schnitt klaffte. Das Blut spritzte auf Wilhelms Anzug, der Herzschlag des Sterbenden dröhnend laut. Wilhelm hörte sich selbst fluchen doch es war wie aus Entfernung, denn der Geruch des Blutes, dieses feucht-süße Gesöff das durch die Luft zu ihm drang drohte seine Sinne einzunehmen. Tiefes Einatmen führte ihm das volle Aroma des frischen Blutspritzens vor. Natürlich war männliches Blut gemeinhin nicht sein Geschmack- die leicht harzige Note, das herbere Aroma, - doch seine Zähne fuhren aus, der Körper reagierend auf die klaren Signale einer frischen Mahlzeit - Hunger machte sich breit.
Dabei würde er nicht mal gegen Bezahlung so ein Gesocks trinken.

"Dreck", murmelte Rabbe. Sie sah von dem Flüchtenden zum Blutenden. Von Wilhelm zu dem Kind in der Ecke. Eben noch hätte sie es in Ordnung gefunden, wenn die beiden sich gegenseitig getötet hätten. Aber nun lag der Kerl im Sterben. Einen Mord zulassen und Hilfe zu unterlassen waren zwei Paar Stiefel. "Aber er hat unsere Gesichter gesehen",, sagte eine hässliche kleine Stimme in Rabbes Kopf. "...und wer weiß wie viele Kinder er schon auf dem Gewissen hat. Verkauft. Missbraucht. Versklavt..."
Wilhelm rang noch immer mit dem Blutenden. Der Hunger drängte sich ihm auf, doch sein Geist schnitt langsam durch den Nebel der Blutlust. "...Was... was soll ich mit ihm machen?", er sah ein wenig hilflos zu Rabbe herüber die selbst noch etwas starr dastand.
Sie musterte den Kerl und dachte kurz nach. "Bleib hier. Kümmer dich um das Kind. Ich verfolg den Kerl."
Wilhelm ließ den Ausblutenden sinken. Seine Selbstbeherrschung wurde stärker. "Ich bin schneller als du."
Rabbe grinste. "Ich bin fieser." Sie lief los. "Und trink den Kerl nicht. Der sieht eklig aus", rief sie noch bevor sie um die Ecke rannte, Nassbremser hinterher.
Wilhelm sah ihr nach und starrte dann wieder den blutenden Hals an. Er hörte den Herzschlag immer schwächer werden während das Blut langsamer aus dem Hals troff. Seine Finger waren blutüberströmt, sein Anzug rötlich gesprenkelt. Er ließ den Mann zu Boden sinken, zog mit spitzen Fingern ein Tuch aus einer Tasche und wischte sich die Finger ab. Ihm kam in den Sinn das ein Mann von niedrigem Standard die Finger am ohnehin ruinierten Frack abgewischt hätte.
Doch dieser Mann war nicht Wilhelm Schneider.
Er entfernte das Blut so gut es ging. Es roch immer noch unverschämt köstlich nach einer so anstrengenden Nacht, aber das Ablecken seiner Finger kam ebenfalls nicht in Frage. Zumal dort im Schatten ein kleines Mädchen kauerte. Sie mussten nicht auch noch sehen wie der einzig lebendige Erwachsene hier Blutreste von seinen Nägeln leckte.
"Hallo", sagte er leise und trat auf das Mädchen zu. "Ich bin Wilhelm." Er blieb etwas über einen Meter vor ihr stehen und hing in die Hocke, hielt ihr sacht eine Hand hin. "Wie heißt du?"



*2 Tage später

Rabbe starrte aus dem Fenster. Der Himmel war blau. Strahlender Sonnenschein lud Ankh-Morporks Unterwelt zu zahlreichen Schönwettervergehen ein. Brillante Umstände für Diebstahl, Raub und kreativen Häuserdiebstahl.
Erick Nassbremser war entkommen. Sie hatte ihn bis zum Morgengrauen gesucht doch der Mann blieb verschwunden. Niemand hatte etwas gesehen. Nirgendwo war ein Kind aufgetaucht. Lebend oder tot. Später hatte Cim sie getadelt, weil sie nicht von vornherein Hilfe angefordert hatte. Aber wie? Wann hätte sie dies tun können? Alles war so schnell gegangen. Hätte der Vampir ihr nicht geholfen hätte sie wahrscheinlich nicht einmal das Mädchen retten können.
Ein schmales Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. Das war ein Sieg, daran ließ sich nichts leugnen. Sie hatte den Mörder nicht gestellt, es war einer jener vielen ungelösten Fälle im RUM-Archiv - doch es gab einen Kinderhändler weniger in Ankh-Morpork. Im Morgengrauen hatte sie auf Basis eines 'anonymen Hinweises' mit mehreren Kollegen das Schiff durchsucht. Sie hatten Listen mit möglichen Zielen und Ablaufpläne gefunden. Die nun eingekerkerten Komplizen Nassbremses und die ebenfalls gefundene Liste interessierter Geschäftspartner würde für die Zukunft ebenfalls äußerst interessante Folgen haben.
Und ein kleines Mädchen war zu ihren Eltern zurück gekommen. War mit dem Schrecken davon gekommen um nun in Freiheit weiter aufzuwachsen.
Das war nicht Nichts.
Rabbe seufzte, strich den Vorhang zurück und öffnete das Fenster. Sie hatte immer noch keine Ahnung wer der Vampir gewesen war. Als sie zurück kam hatte er sich relativ schnell verabschiedet und etwas davon gemurmelt, dass er sich so nicht allzu lange in der Öffentlichkeit sehen lassen dürfte. Bei dem Gedanken an seinen halb zerlumpten, blutbespritzen Abendanzug wurde Rabbes Lächeln eine Spur amüsierter. Ihr war noch nie ein so... sympathischer Vampir begegnet.
Ob sich ihre Wege wohl noch einmal kreuzen würden?


Wilhelm lief müde durch das Wachhaus. Es war einer seiner seltenen, nicht-wachetresen bezogenen Besuche im Hauptwachhaus. Er sollte sich bei einem RUM-Ermittler melden und diesen zu einem Tatort begleiten. Dann musste er einen Bericht über seine Lernergebnisse schreiben. Schon bei dem Gedanken verdrehte er unbewusst die Augen. Treppe hoch, den Gang runter. Die ewigen Übungen gingen ihm auf die Nerven. Zugegebenermaßen konnte ein Mordfall aus Sicht der Wache ja vielleicht interessant sein, aber nur wenn es ein echter war. Bisher hatte er vor allem mit fingierten Schauplätzen zu tun gehabt und dies begann an seinen Nerven zu zehren. Nicht weil es besonders komplex oder anstrengend gewesen wäre- Nein, die durchdringende Langeweile einer derart banalen Übung zerrieb ihm nur nach und nach jegliche Geduld. Er seufzte. Sein Weg führte ihn zu Büro 213. Er klopfte.
"Herein!", erklang eine Stimme von weiter her. Er öffnete das Zimmer. Kühle blaue Wände, dunkle Schreibtische und dunkle Vorhänge empfingen ihn. Ein durchdringender Geruch aus Werkzeugöl und Kaffee hing in der Luft. Er sah sich um. Die Wächterin stand mit dem Rücken zu ihm an einem Regal hinter der Tür und klapperte mit einer Tasse. "Hallo, ich bin Rekrut Wilhelm Schneider. Ich nehme an du bist Korporal Schraubenndrehr, oder? Ich soll zu einer-" er erstarrte.
Rabbe war eingefroren als sie die Stimme hörte. Sie drehte sich um und starrte ihn an. Eine schlecht sitzende Grund-Uniform. Rekrutenabzeichen. Dunkle Augen und Haare. Arroganter Kinnzug. Rabbe schluckte.
"Oh verdammt."

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Epilog im Hinterzimmer

Das hintere Hinterzimmer im Gasthaus im Oberen Breiten Weg ist ein sehr kleiner Raum.
In einer Ecke liegen Pokerkarten. Es riecht nach altem Rauch und teurem Alkohol.
Ein enger Durchgang führt zu einer dunklen Gasse[14].
Erick Nassbremser sitzt seinem Auftraggebern gegenüber.
"Sie hat mein Gesicht gesehen. Ich will gerne weiter für die Gruppe arbeiten und Sie haben gesehen, ich verstehe mein Handwerk. Aber dann muss ich sie aus dem Weg schaffen. Ich hätte es gleich in der Nacht gemacht, aber sie sagten ja-"
Der Mann mit der Lilie hebt die Hand. "Sie werden ihr nichts tun. Sie kann uns noch nützlich sein. Und was ihre Arbeit angeht..." Er schüttelte theatralisch den Kopf. "Sie haben nicht alle unsere Aufträge erfüllt."
"Ja aber doch nur weil mir die Frau in den Weg kam! Ich bitte Sie, ich kann-"
"Ich weiß. Keine Sorge. Wir behalten Sie weiter in unserem Dienst. Wir müssen nur ein paar... kosmetische Änderungen vornehmen." Er zog die Mundwinkel hoch. "Adria?"
Eine Frau mit eng gedrehten Locken kommt hinzu. Sie beginnt, ohne ein Wort, Messungen an Nassbremser vorzunehmen und Markierungen in seinem Gesicht zu machen. Er lässt es widerwillig über sich ergehen.
"Aber die...Seitengeschäfte müssen enden."
"Was? Aber warum? Ich mache sonst alles was sie von mir erwarten, aber ich muss mir doch auch eine eigene Existenz aufbauen! Und ich habe schon genug Kunden! Wenn es um Gewinnbeteiligung geht können wir sicher etwas aushandeln, aber-"
"Nein. Der Kinderhandel hört auf. Er zieht zu viel Aufmerksamkeit auf sich. Wenn du nicht direkt wieder ihre Aufmerksamkeit und die ihres kleinen Kultes haben willst, hörst du damit auf."
Nassbremser schubst die Frau weg und steht auf. "Nein! Das ist gegen die Abmachung. Ich werde nicht die ganze Zeit auf den Seitenlinien sitzen während ihr mich ausnutzt und als euren Sündenbock aufsetzt. Ich habe gesehen wie der Kollege seine Opfer erledigt und ich bin beeindruckt. Aber ich will kein Handlanger sein. Ihr braucht mich, wenn ihr die Spur diversizieren wollt! Killer von meinem Kaliber findet man nicht einfach an jeder Straßenecke-"
Ein Messer durchsticht ihn von hinten. Eine Hand legt sich auf seinen Mund um sein Schreien einzudämmen, während das Messer ein paar Zentimeter herunter gezogen wird.
Der Mann mit der Lilie seufzt und verdreht die Augen. Edwin lässt die Leiche fallen.
"Wir finden an der nächsten Straßenecke bestimmt einen neuen. Der nicht so arrogant ist."
Der Mann mit der Lilie sieht ihn entnervt an.
"Aber den müssen wir auch erst wieder einlernen. Ach. Edwin." Der Mann mit der Lilie seufzt und steht auf. "Na gut. Adria, präparier ihn als Alkoholleiche und lass ihn in den Schatten in den Ankh werfen."
Er dreht sich zu Edwin und schaut ihn nachdenklich an.
"Du hast ihn mit einem Messer getötet. Das ist nicht deine Art."
"Ich bin nicht ganz auf den Kopf gefallen. So sieht es wie ein normaler Gossenmord aus. Wie er ihn verdient hat."
Der Vampir legt das blutige Messer auf den Tisch und lächelt. "Sag mir Bescheid wenn du den nächsten hast." Er wartet keine Antwort ab, verwandelt sich in seine ledrige Form und verlässt den Raum durchs hintere Bürofenster.
Im Dunkel der Nacht fliegt er durch den Regen.
Sein Verstand ist klar. Scharf. Blutgetränkt.
Die Figuren sind da. Das Brett ist gesetzt.
Das Spiel beginnt.
[1]  Er musste regelmäßig viel Sonnencreme benutzen um nicht zu Asche zu zerfallen, aber das war es ihm wert.

[2]  Im Wesentlichen weil sie so viel über die Gruppe wussten dass deutlich geworden war, dass die Verbindung ihre ganze Energie darauf verschwendet hatte ein eindurcksvolles Logo zu entwickeln und dann, mit dem Gefühl gut etwas geleistet zu haben, Feierabend machten und den 'geheimen Bund' bald als wenig mehr als ein Modestatement ansahen. Ein Schicksal wie es zahlreichen Organisationen jedes Jahr wiederfährt.

[3]  Ein Ermittler allein kann schlecht ALLE befragen

[4]  Ähnlich wie der Handel mit Dracheneiern ist auch der mit Todesklaueneier höchst verpönt. Die entstehenden Omeletts sollen jedoch köstlich sein

[5]  Bunte Vögel säumten das Achatene Reich bis man alle tötete um dem Kaiser ein schönes Gewand zu machen. Die Vögel hatten es verdient zu sterben weil sie versucht hatten, prachtvoller als der Kaiser zu sein. Eine der beliebtesten Komödien des Landes[15]

[6]  Natürlich war keine seiner Kreationen weniger als perfekt. Diese war jedoch auch im illustren Rahmen seiner sonstigen Werke ein herausragendes Stück.

[7]  Die Herren sind aufgrund ihres Geschäftserfolges und ihrer Bekanntheit schon lange Teil der oberen Gesellschaftskruste geworden. Leider dehnte sich dies nicht auf ihre Garderobe aus.

[7a]  Rasulptan III., blutrünstigster Marmor-Igel.

[9]  Ein Umstand der sich in sehr großen Handbewegungen und achtungsheischenden Blicken zeigte. Künstler konnten sich nicht leisten, das Risiko einzugehen, dass die Zuhörer nicht wussten wie ernst ihre Inhalte waren.

[10]  Einmal im Monat war das Opernhaus Ort der kulturell hochwertigsten wie auch ekligsten Schaumparty. Es gab immernoch jedes Mal Ananas, trotz der Sache mit dem Pelikan.

[11]  führender Experte auf dem Gebiet der Entwolfisierung früher Bissopfer

[12]  "mit Hut nach Wahl"

[13]  nicht dass dies normalerweise seine bevorzugte Art gewesen wäre 'Verhandlungen zu führen', aber nur weil man Bedürfnisse hatte musste man sie ja nicht gleich ausleben

[14] Dienstags stellt man hier immer den Müll raus

[15]  Dies war natürlich, bevor Komödien verboten wurden. Danach gab es bis zur Revolution nur noch die guten, ehrbaren Geschichten über Steine.




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